„Gewiß nicht, mein lieber Junge. Andere Gegenden haben vielleicht hohe Reize, aber die Heimat hat doch den höchsten. Für den Grönländer sowohl wie für den Tropenbewohner.“
„Ob man sich aber nicht wieder hinaus sehnen wird in die bunte Ferne, Karl, ob man, nachdem an Auge und Geist die Schönheit aller Länder vorübergezogen, noch wieder ruhig in Hamburg im engen Kontor sitzen und — Profit und Schaden gegen einander abwägen kann?“
Holm lächelte. „Ich hoffe es,“ antwortete er nur.
Damit war die Unterhaltung beendet, namentlich weil man mit dem Schleppnetz fischen und die Tiefe untersuchen wollte. Was an bereits eingefangenen Krebsen und genießbaren Flossenträgern mit herauf kam, das wanderte in die Küche, alles andere dagegen wurde präpariert und verpackt, die Würmer, Schnecken, Quallen und die hübschen Anemonen, ebenso einige seltene Fische und einmal sogar eine kleine Wasserschildkröte, deren Art Holm völlig unbekannt war.
So zog die „Hammonia“ wochenlang durch den blauen Indischen Ozean dahin, erst südlich von Sumatra, dann längs der Küste von Java nach Norden.
Als der Hafen von Surabaja nach glücklicher Fahrt erreicht war, wurden Pferde gemietet und unter Begleitung von Malaien die neue Reise angetreten. Da hier die Eingebornen an den Verkehr mit Europäern vollständig gewöhnt und nirgends mehr wild waren, so gestaltete sich alles leichter, obwohl freilich Kapitän und Steuermann den Ausziehenden rieten, vor dem treulosen, hinterlistigen Charakter der Malaien auf ihrer Hut zu sein. „Sie sind sämtlich falsch wie Galgenholz, die gelben Kerle,“ sagte Papa Witt. „Ihren Profit kennen sie wie Juden, und Gewissen haben sie nicht mehr, als ein schlitzäugiger Chinese, — nun hüten Sie sich vor Schaden.“
Die Summe, welche der Anführer der kleinen Schar als Bezahlung empfangen sollte, wurde verabredet, ein Teil davon als Handgeld gegeben, und dann begann der Ritt durch weite Ebenen, in denen Reis, Mais, Indigo, Tabak und Baumwolle üppig gediehen. Alle diese Felder waren nett und sauber gehalten, die Wege gut im Stande, künstliche Kanäle hindurchgeleitet und von wilden Tieren keine Spur zu erblicken. Am interessantesten erschienen die Wohnhäuser der Malaien. Rund wie Bienenkörbe aus Bambus und einer anderthalb Meter langen Grasart, Alang-Alang genannt, künstlich geflochten, standen sie auf Pfählen 1¾ Meter hoch über dem Erdboden und waren ganz regelrecht von Zimmerleuten erbaut. Die Pfähle steckten in einer Entfernung von 1½ Meter im Boden und bildeten einen Kreis im Durchmesser von 10 Meter, während die Wand selbst vielleicht 3 Meter Höhe hatte. Das Dach wurde von drei Balken getragen und zeigte einen hübschen, wie eine Veranda gestalteten Vorbau, in dem jedesmal mehrere Vogelkäfige hingen, sowie ein eng bevölkerter Bienenkorb, dessen stachellose Insassen die Javanesen mit Wachs und Honig versorgen. Den Fußboden dieser nur für Verheiratete gebräuchlichen Wohnungen fanden die Reisenden in Ermangelung von Betten auf eigentümliche Art hergestellt. Zuerst grobe Feldsteine auf starken Bambusstäben, dann feinere Steine, endlich Kies und ganz oben gespaltene Bambusstäbe, die ihre platte Seite nach außen kehrten. Der Fußboden war also dicht und bequem, viel besser als ihn unsere Freunde irgendwo in den Dörfern der Eingebornen auf Ceylon bemerkt; auch befand sich des häufigen Regens wegen die Feuerstelle inmitten jeder Wohnung. Für Unverheiratete war ein größeres derartiges Haus, abgesondert von den übrigen, hergestellt.
Alle diese kleinen, gelben, beweglichen Menschen mit wenig schönen Gesichtern und struppigem, grobem Haar, schienen sorglos in den Tag hinein zu leben, ihre Arbeiten möglichst oberflächlich und träge zu bewerkstelligen und den Besuch der Fremden in ihren Dörfern sehr gern zu sehen. Von der zurückhaltenden Würde der Singhalesen, von ihrem religiösen Gefühl und ihrem Stolz war nichts zu entdecken, vielmehr boten alle, selbst die Kinder, den Weißen dieses oder jenes zum Kauf an, umdrängten sie und ließen nicht ab, bis ihr Besuch im Schauspielhause für denselben Abend zugesagt war. Die jungen Leute trauten ihren Ohren kaum. Ein Schauspiel unter den Wilden auf Java! Das übertraf allerdings die kühnsten Erwartungen. Mit gespanntem Interesse nahmen alle ihre Plätze in der großen, leicht und luftig erbauten, für die Wandertruppe auf dem Dorfmarkt errichteten Bude; die seltenen Gäste bezahlten hier zwar ihre Plätze verhältnismäßig höher als im teuersten europäischen Opernhause, aber dafür bot sich auch etwas nie Gesehenes, wobei nur die Gehörsnerven empfindlich litten. Die Musik war nämlich nichts mehr und nichts weniger als ein Höllenlärm, wobei der Ganelang (ein Glockenspiel) noch außerdem durch die beständige Wiederholung desselben Tones wahrhaft betäubend wirkte. Als das Schauspiel begann, jubelten und lachten, schrieen und jauchzten alle Zuschauer laut durch einander, so daß aus den Tönen rings umher ein Gewirr, Tosen und Brausen entstand, in dem jede Einzelheit verloren ging. Freilich hätten die Europäer ohnehin dem Gange des Stückes nicht folgen können, da ihnen das Verständnis der javanischen Sprache gänzlich fehlte, aber dennoch gehörte eine tüchtige Gesundheit dazu, um dies „Vergnügen“ ohne Schaden zu ertragen. Der Doktor klopfte auf Holms Schulter, seine Bewegungen sagten deutlich: „Ich bin einem Schlaganfalle nahe, lassen Sie mich hinaus!“ und Holm telegraphierte zurück: „Gehen Sie allein! ich stehe in der Brandung und werde aushalten.“
Dann verschwand der alte Herr, die Knaben stimmten mit der ganzen Heiterkeit ihres glücklichen Alters in den Jubel und Trubel mit ein, nur Rua-Roas Gesicht wurde länger und immer länger. Er begriff nicht, was da vorging, er hielt die Szene für Wirklichkeit und wollte durchaus einem von Panthern und Tigern verfolgten Eingebornen zu Hilfe eilen, was natürlich den Frohsinn der übrigen nicht weniger steigerte. Auf der Bühne wurde indessen der Spektakel immer ärger. Ein Held im vollsten einheimischen Putz, klirrend von Blech, Messing, Perlen und Schnallen, bunt von Malerei, mit grimmigen Gebärden und laut brüllendem Tone, besiegte alle möglichen Ungeheuer, während ein zitterndes, flüchtendes Mädchen bald auf die Kniee fiel, bald sang und einen sonderbaren Tanz vollführte; andere Gestalten flogen dazwischen, ein Zweikampf fand statt, wobei der Besiegte in wirklicher Wirklichkeit durchgebläuet wurde, und zuletzt schloß das Ganze mit einem Tanz, bei welchem die Schauspieler jeder nach seinem Belieben ohne Takt oder Ordnung nur wilde Sprünge und Lärm vollführten.
Als sich unsere Freunde draußen wiedersahen, als ihnen vom Lagerplatz her der Doktor mit teilnehmendem Gesicht entgegenkam, da lachten alle, daß ihnen die Seiten weh thaten. Einmal in einem Javanesentheater und nie wieder! Sie hatten sämtlich das Gefühl, als stehe eine Mühle, deren Rauschen und Dröhnen bis dahin ihre Nerven betäubt, jetzt plötzlich still.