„Da oben auf der Höhe?“

„Ja. In einer Stunde werden wir dort sein. Gefahr ist um diese Zeit nicht dabei.“

„Wie kommt es,“ sagte Franz, „daß das Totenthal nicht immer seine tödliche Wirkung auf die Besucher ausübt?“

„Dieses Thal,“ antwortete Holm, „liegt in unmittelbarer Nähe von Vulkanen, und in demselben sammelt sich von Zeit zu Zeit Kohlensäure an, welche von vielen Vulkanen fast ununterbrochen ausgehaucht wird. Diese Kohlensäure — ihr kennt sie alle als das perlende Gas, welches in dem bekannten Selterswasser enthalten ist — wirkt eingeatmet auf die Lungen als tödliches Gift. Wenn nun kein Luftzug sich regt und die vulkanischen Ausdünstungen sehr heftig sind, so sammelt sich im Grunde der trichterförmigen Schlucht so viel Kohlensäure an, daß der Besuch derselben gefährlich wird. Wenn dagegen die Ausströmung des Gases sich vermindert und ein starker Wind in die Schlucht dringt, so kann dieselbe ohne schlimme Folgen betreten werden. Übrigens,“ fuhr er fort, „gibt es auch in Europa eine Grotte, deren Boden etwa ein bis zwei Fuß hoch mit Kohlensäure bedeckt ist, die, weil ihr spezifisches Gewicht das der atmosphärischen Luft an Schwere übertrifft, sich nur unten aufhält.“

„Ah, ich weiß schon,“ rief Franz, „es ist die Hundsgrotte bei Neapel. Der Mensch betritt sie, ohne von der Kohlensäure belästigt zu werden, Hunde dagegen, die man mitnimmt, ersticken, weil ihre Atmungsorgane sich im Bereich des giftigen Gases befinden, sobald sie auf den Boden gesetzt werden.“

„Ganz recht,“ bestätigte Holm. „Die Ursachen beider Merkwürdigkeiten sind dieselben, nur die Form, in der sie sich äußern, ist eine verschiedene.“

Der steil ansteigende Weg wurde in beschwerlichem Ritt auf den kleinen javanischen Pferden zurückgelegt, und dann standen die Wanderer vor einem überraschend schönen Anblick. Ein breiter blauer Strom sandte seine Wellen zu Thal, Krokodile, Leguane, und Wasserschlangen bevölkerten die röhrichten Ufer, und zur Seite des rollenden Stromes senkten sich die Bergwände zum tiefen, trichterförmigen Kessel. Eine breite Rundung gab den Blick frei in die schwindelnde Tiefe des Totenthales. Zuweilen entströmen hier der Erde so furchtbare Ausdünstungen, daß alles Pflanzen- und Insektenleben während einer einzigen Nacht zu Grunde geht, zuweilen grünt und blüht es da unten bis zum mittelsten flachen Kreise von etwa fünf Metern Durchmesser; dieser innerste, unterste Fleck ist gleichsam durchseucht von dem Gift in seinem Schoße; er trägt nie einen grünen Halm, nie eine Blüte; auf ihm lastet ewig unfruchtbare Dürre.

Die Pferde wurden an Bäume gebunden, und Holm und Franz mit dem Malagaschen versuchten das Hinabsteigen, während Hans und der Doktor oben blieben. Die Führer kletterten voran, an ihren Ledergürteln lange Knotenstöcke tragend, die bei dem Wege bergab für die Weißen als Stützen und später bergan als Handhabe dienen sollten. Oben am Rande wuchsen von allen Seiten knorrige, wildverschlungene Baumstämme über die Schlucht hinaus, der Pfad bergab lief schräg an der Felswand hin, das helle Tageslicht fing schon nach den ersten fünfzig Schritten an, in Dämmerung gehüllt zu erscheinen. Große Eidechsen schlüpften über das Gestein; eine kalte Luft wehte von unten herauf.

Die Javanesen und der Malagasche sprangen mit jener überlegenen Geschicklichkeit der wilden Völker ziemlich ohne Mühe von Ast zu Ast, von Klippe zu Klippe bis auf den untersten Grund hinab; weniger leicht folgten ihnen die Europäer. Nur mit blutenden, geschundenen Händen gelang es diesen letzteren, die dunkle Tiefe im Schoße des Berges überhaupt zu erreichen; klopfenden Herzens standen sie unter dem gewaltigen Eindruck einige Augenblicke sprachlos; nur mit Mühe konnten sie in der kalten, schweren Luft Atem schöpfen. Hundert Meter hoch über ihnen lag auf dem Rande der finsteren, unheimlichen Schlucht blitzend und glühend das Sonnenlicht, kaum erkennbar, nur wie ein funkelnder Streif, von den schwarzen Tiefen hier unten gänzlich ausgeschlossen, keinen Strahl hinabsenkend, keinen warmen Hauch, kein noch so schwaches Leuchten.

Wahrlich, das Totenthal verdiente mit Recht seinen Namen. Der gleiche beklemmende Eindruck, den es verursachte, lag auf allen Teilnehmern dieser gefährlichen Expedition. Als in Holms Hand die mitgebrachte Wachskerze aufflammte, beleuchtete ihr schwaches in der Kellerluft da unten kaum die nächste Umgebung erhellendes Glimmen lauter blasse Gesichter und ernste Mienen. Es war doch ein seltsames Gefühl, so von allen Lebenden getrennt, abgeschieden von Luft und Licht, da unten allein in schweigender Öde die nassen Wände und die verkümmerten wenigen Gewächse anzusehen, letzte Spuren der Pflanzenwelt, letztes welkes Grün, grau und fahl gesprenkelt, kaum noch lebend, ohne Saft und Mark am verknoteten dürren Rankgeflecht. Eine große Schlange glitt ringelnd über das verwitterte Gestein dahin, Unken und Frösche glotzten aus den Winkeln, Eulen mit runden gelben Augen schossen auf, gespenstigen Fluges die Stirnen der Männer streifend; auch hier schwirrten Fledermäuse wie Mücken im Sonnenschein.