Holm brach zur Erinnerung an die Stunde im Bauch des Hexenkessels, dessen todbringender Hauch schon so oft Verderben über die Umgebung gebracht, vom Gestein der Wand ein Stück, das er in die Tasche steckte, ebenso aus dem mittleren, wüsten Bodengrund etwas Kies; dann wurde der Rückweg angetreten.

Jetzt ging es leichter; die schweren Stöcke der Eingebornen dienten den Weißen als eine Art von Treppengeländer; sie hielten sich, wo es nötig war, daran fest und gelangten so nach und nach an die Oberfläche, wo schon der Doktor und Hans ungeduldig gewartet hatten. „Nun, nun,“ drängte ersterer, „ihr seht ja aus, als sei euch da unten — der Himmel vergebe mir die Sünde! — der leibhaftige Teufel begegnet!“

Holm lächelte. „Da unten aber ist’s fürchterlich!“ citierte er. „Ich möchte doch um keinen Preis die Tour noch einmal machen. Und du, Franz?“

Der Knabe schauderte. „Mir ist es immer noch, als fühlte ich die kellerkalte, drückende Luft,“ antwortete er.

Nur die Eingebornen waren sehr gleichmütig; sie hatten die Fahrt in den Höllenschlund schon mehr als einmal bewerkstelligt und behielten bei der ganzen Sache ausschließlich den Verdienst im Auge. Auch Rua-Roa erklärte, in seiner Heimat oft noch ganz andere Streifzüge unternommen zu haben; er würde sich nicht bedenken, jetzt gleich und zwar allein wieder hinunter zu klettern. Das wilde Element in ihm trat auch so recht zu Tage, als es galt, an der entgegengesetzten Seite des Hochgebirges wieder ins Thal zu gelangen. Der Weg war äußerst beschwerlich, Steinwildnis folgte auf Steinwildnis; erst nach längerem, mühsamen Ringen, wobei die kleinen, einheimischen Pferde, des Steigens gewöhnt, die besten Dienste leisteten und gleitend, rutschend und springend über Abstürze gelangten, vor denen ihre Reiter schaudernd die Augen schlossen, — verwandelte sich der rauhe Pfad wieder in den bewachsenen, von Bäumen beschatteten Waldweg. Man war immer noch im Gebirge; die Führer vermieden absichtlich das tiefere Thal, und zwar um den Reisenden das „Moro Api“ oder ewige Feuer von Java zu zeigen; aber dennoch blühte und grünte üppige Pflanzenwelt rings umher und plätscherte in munteren Sprüngen ein Fluß, der Gunang Morio, zur Seite des Weges dahin. Breiter und breiter dehnte sich die blaue Fläche, mehr und mehr umhüllten die Schatten mit grauen Schleiern das schöne Landschaftsbild. Es wurde dunkler Abend, der Vogelgesang verstummte, die Blumen dufteten stärker, Eulen und Fledermäuse belebten die Luft, Wildkatzen begannen ihre Jagd, Marder von ungewöhnlicher Größe kletterten den Tauben bis auf die höchsten Kronen nach, und fernher schallte das Bellen der wilden Hunde; — da erschien zwischen den Baumwipfeln ein unsicheres, flackerndes Licht, noch kaum erkennbar; wie ferner Feuerschein, wie wenn jemand mit der brennenden Lampe kommt und geht, ohne an einem Orte zu verweilen.

„Das kann kein Dorf sein,“ rief Franz, „sonst müßten ja die Leute im Wasser wohnen. Das Licht schwebt über dem Flusse.“

„Moro Api!“ sagten die Javaner.

Neugierig gemacht, eilten die Weißen so schnell als möglich vorwärts, ohne Bedenken den Eingebornen nach, als diese in das Flußbett hineinritten und quer über eine breite, ganz mit Wasser bedeckte Ebene dahinsprengten. Jenseits des murmelnden, silbernen Elementes fing das Gewirre von Klippen und Abgründen wieder an, zerstreute Blöcke und phantastisch geformte Zackenreihen sprangen weit in das Wasser hinaus vor, natürliche Bogen und Säulen wechselten mit senkrecht abfallenden Wänden, und spitze einzelne Felskegel ragten wie Leuchttürme aus den Fluten empor. Dieses ganze wildromantische Bild war erhellt gleich dem Feengarten des Märchens; überall auf Spitzen und Dächern, in den Tiefen und zwischen den Säulen spielten die violetten, purpurnen oder ganz weißen, goldglänzenden Lichter des Moro Api; überall glitten Flammen und Flämmchen, von jedem Luftzug lang aufflatternd wie Bänder, an den Felswänden dahin, die vielzackigen, wunderlichen Formen in ihren Strahlen badend, Schattenbilder malend und über verworrene Trümmer huschend wie Fabelwesen aus uralter Märchenzeit. Wenn zuweilen ein leichter Wind das Wasser kräuselte, dann schwebten die bläulichen und roten Lufttänzerinnen im Kreise empor, gaukelten hierhin und dorthin, beleuchteten plötzlich eine dunkle Spitze oder eine tiefere Schlucht und kehrten dann nickend und sich biegend zu ihren früheren Standpunkten zurück.

Das erhabene Naturschauspiel bannte die Zungen aller; ein fast andächtiges Schweigen beherrschte die kleine Schar. Rings das blaue stille Wasser und darüber in geheimnisvoller Schönheit jene körperlosen, lichtspendenden Wesen, jene ewigen, seit dem ersten Schöpfungsmorgen brennenden Lampen, deren Licht unter allem Wechsel fortglühte und fortglühen wird bis an das Ende, — alle diese Bilder ließen nur lautlose Bewunderung aufkommen.

„Am hellen Tage,“ erklärte endlich einer der Eingebornen, „ist das Moro Api nicht sichtbar oder doch im Sonnenglanz nur sehr schwer zu unterscheiden. Wir müssen uns jetzt aber beeilen, das Nachtlager im Gebirge zu erreichen. Alle Anzeichen deuten auf einen Gewittersturm, wie sie hier zu Lande üblich sind.“