„Können wir denn den Ausbruch desselben nicht gerade an dieser Stelle erwarten?“ fragte Holm. „Ich wäre neugierig, die Flammen wie rasende Kobolde an den Felsklippen hinauf klettern zu sehen, ich möchte ihre tolle Jagd im Sturme kennen lernen.“

Aber die Eingebornen schüttelten mit den Köpfen, obgleich sämtliche Knaben ihre Bitten der des jungen Gelehrten hinzufügten. „Die Fremden wissen nicht, was ein Gewittersturm in den Bergen zu bedeuten hat; es ist ein Spiel um Leben oder Tod. Felsblöcke werden herabgerissen, Bäume niedergebrochen, der flache Gebirgsfluß wird zum tosenden Strome, die Blitze bedrohen alles, was lebt. Wir müssen schleunigst die sichern Höhlen aufsuchen.“

„Sind die denn weit von hier?“ fragte Franz.

„Nein, im Gegenteil ganz nahe.“

„So laßt uns aufbrechen,“ ermahnte der Doktor. „Diese Leute kennen doch das Land und das Klima besser als wir.“

Holms und des Knaben Blicke begegneten sich. Beide nickten wie im Einverständnis, und dann ritt die kleine Schar unter Vortrab der Javanen tiefer in das geklüftete Gebirge des Gunong Morio hinein, bis nach vielleicht fünf Minuten eine enge, dunstige Höhle erreicht war. Hoch in die Wolken erhob sich über der niederen Wölbung die Felskuppe; dichte, moosbewachsene Wände sicherten vor allen möglichen Angriffen; massive granitne Pfeiler stützten eine Art von Vorhof, und weiterhin gegen das Innere öffnete sich Gang nach Gang, aber die Luft war drückend, weshalb alle beschlossen, so lange als thunlich draußen zu bleiben.

Die Eingebornen entzündeten mehrere Wachskerzen und warnten dann die Reisenden, sich über eine bestimmt bezeichnete Grenze nach rechts hinaus zu wagen. Ein sonderbarer Anblick wartete hier der staunenden Beschauer; überall war der Steinboden durchlöchert und zerklüftet, überall schoß unter demselben in wildem Toben ein Gebirgsbach zu Thal, etwas weiter hin als breiter, glänzender Wasserfall über rundgeschliffene, glatte Wände in den Abgrund stürzend, tausend kühle Tropfen den Wandernden entgegenspritzend, jene köstliche, unnachahmliche Frische des kalten Quellwassers der heißen Luft mitteilend, schön und großartig im wechselnden Licht der Kerzen, donnernd und grollend, gleich einem fernen Gewitter.

„Morgen können Sie sich, wenn sie schwindelfrei sind, bis an den Abhang hinauswagen,“ erklärte der Führer, „die Felsblöcke liegen sicher, aber am Abend ist die Sache unmöglich.“

Es blieb also nur übrig, unter dem Rauschen und Brodeln des Falles, unter dem leise anhebenden Singen des erwachenden Sturmes die Ruhe zu suchen und einstweilen auf weitere Ausflüge zu verzichten. Man speiste, die Pferde wurden etwas weiter draußen in einer der Vorhallen an Bäume gebunden und die Wolldecken ausgebreitet. In einer Höhle lagen sämtliche Javanen, in der zweiten die Weißen; von wilden Tieren hatte sich nichts gezeigt, der Sturm heulte sein großartiges Wiegenlied, langgezogener murrender Donner erhob die Stimme, und rauschend in schweren Tropfen fiel der Regen herab. Die Augen der Menschen schlossen sich, obwohl zuweilen falber Schein den Wolkenschleier zerriß, und einzelne Stöße brüllend und schnaufend den gewaltigen Anlauf des Orkanes verrieten. Bis hierher drangen weder Regen noch Sturm, dies Dach ließ keine Tropfen durchsickern, diese Wände konnten dem Anprall aller Erdenkräfte Trotz bieten. — Das Gefühl der Sicherheit schläfert ein, Leib und Seele wiegen sich in Schlummer, alle Spannung ist gelöst, die Augen fallen zu, ehe es der Träumer weiß.

Holm und Franz schliefen nicht. Als es rings umher still geworden war, schlichen sie zusammen unter tausend Gefahren und Mühen auf dem Wege zum Moro Api zurück. Jene hüpfenden Flammen bildeten den Punkt, nach welchem sich ihre Schritte lenkten, und unbekümmert, ob ihnen der Sturm die Sprache raubte und der Regen ihre leinenen Kleider bis auf die Haut durchnäßte, drangen sie vorwärts. Der Aufruhr aller Elemente war von wilder Schönheit. Einmal draußen, dem Schutze der Felsmauern entrückt, hörten sie Sturm und Donner im unentwirrbaren Tonganzen ihre betäubende Stärke entfalten, Blitz auf Blitz zerriß die drückende Luft, schwefelgelb und bläulich fuhren Zacken und Strahlen über den Horizont dahin, und hochauf spritzten die Wellen des Flusses. Das Schönste von allem aber blieben die Flammen des Moro Api. Unausgesetzt drang aus dem vulkanischen Erdinnern das Gas hervor und unausgesetzt entzündete es sich durch die Berührung mit der atmosphärischen Luft, wieder und wieder schlugen züngelnde Feuer aus den Spalten herauf, vom Wind erfaßt, sobald sie entstanden waren, hierhin und dorthin entführt, in zahllose Teilchen gerissen, bald klein, bald groß, bald in dieser, bald in jener Form. Bis auf die höchsten Punkte der Klippen jagten einander die Luftgestalten, nicht mehr spielend, gaukelnd wie vorhin in der linden, stillen Gewitterluft, sondern tobend wie toller Märchenreigen, wie eine Schar entfesselter Höllengeister, die sich erfassen und wieder verlieren, die einander wutentbrannt folgen und im Kampfe zum Knäuel verschlungen untergehen.