Da schlichen zwei Gestalten den Berg herauf, kurze Schatten werfend, vorsichtig mit gespitzten Ohren und spähenden Blicken. Voran die größere, das Männchen mit dem braungelben, gestreiften Fell und dem abstehenden Bartkranz um das kluge Gesicht, leicht erhoben die Vordertatze und zurückgelegt über den Rücken den glatten Schweif, — es sog die Luft ein, witterte, es duckte sich wie zum Sprunge — da hinter den Steinen atmeten Menschen!
Ihm nach schlich das Weibchen. Weniger derb gebaut, ohne Bart und minder kräftig gezeichnet, war es doch nicht minder blutdürstig, glühten auch seine Augen wie Kohlen im gelben, falschen Glanze des Katzengeschlechtes. Ein leises Brummen, ein Lechzen der Zunge verrieten die Kampflust, welche beide beseelte.
„Aufgepaßt!“ raunte Holm. „Doktor, Sie nehmen mit Hans zugleich das Weibchen aufs Korn — wir drei das Männchen. — Feuer!“
Die Schüsse krachten, Pulverdampf drohte die Eingesperrten zu ersticken, ein wildes Heulen durchdrang die Luft, und außen wälzte sich das Weibchen des Tigers sterbend im letzten Kampfe; auch das Männchen war getroffen, von allen drei Kugeln sogar, aber trotzdem nicht tödlich. Eine Wendung, die es im entscheidenden Augenblick gemacht, hatte das Ziel verrückt und die Schüsse, anstatt in Kopf und Brust, vielmehr nur in die Beine und den oberen Teil des Rückens eindringen lassen.
Jetzt erst war die Gefahr nahe. Während drinnen in fieberhafter Eile die Büchsen wieder neu geladen wurden, sprang der gereizte Tiger außer sich vor Schmerz und Wut gegen die aufgeschichteten Steine, mit seinen gewaltigen Pranken die Blöcke niederreißend, so nahe, so furchtbar nahe, daß die Eingesperrten seinen heißen Atem auf ihren Stirnen fühlten. Zwei Kugeln trafen in seine Brust; immer noch lebte er, und immer mehr Blöcke riß er herab, rasend, schäumend vor Wut. — —
Noch Sekunden und er war drinnen. —
Da geschah, was Holm bei Anlage der Mauer berechnet hatte, sie stürzte und begrub unter ihren hundertpfündigen Blöcken den schlanken Leib des Tigers. Wenige Minuten hatten hingereicht, um die beiden gefährlichen Raubtiere zu töten.
„Welche Nacht!“ seufzte der Doktor. „Die ärgste von allen — unser Leben hing am seidenen Faden!“
„Und ist trotzdem immer noch nicht außer Gefahr,“ ergänzte Holm. „Wer weiß, ob diese beiden Bestien die einzigen hier in der Nähe waren.“
„O und die furchtbare Luft.“ — —