Der mühselige Weg wurde also zurückgelegt und jener einem großen Maulwurfshaufen gleichende, häßliche Berg mit seiner schwarzgelben Farbe aus der Nähe besehen. Ringsumher bildete der Boden eine Schlammkruste, während aus dem regelrecht geformten Krater eine dichte Rauchwolke aufstieg und leise Schlammwellen von Zeit zu Zeit über den Rand herabflossen. Hier herrschte anstatt des Schwefelgeruches eine ebenso scharfe, wenngleich minder unangenehme Ausdünstung, von dem in Tropfen fortwährend aus dem Erdinnern hervorquellenden Naphtha herrührend. Auch in der Umgebung dieses Kegels, deren die bekannte Welt nur sehr wenige aufzuweisen hat, wuchs nichts und lebte nichts.

Die kleine Gesellschaft atmete auf, als nach ein paar Stunden die Wüstenei von Steinen und Geröll hinter ihnen lag und die Vegetation wieder den früheren üppigen Charakter annahm. Sie machten nun größere Tagereisen und ließen sich’s hauptsächlich angelegen sein, Pflanzen und Insekten zu sammeln, besonders die schönen großen Schmetterlingsarten, an denen alle Sundainseln so reich sind. Einige Exemplare des fliegenden Frosches kamen für das Museum hinzu, ebenso kleinere Fledermäuse und Eidechsen; ein Kalong wurde gekauft, ein Schuppentier sowie mehrere Marderarten und Eichhörnchen erlegt und einige Wildkatzen abgebalgt. Holm sammelte Orchideen, das Alanggras, Vogeleier jeder Sorte und die ganze Unzahl von Käfern, Spinnen und Gewürm, die im Walde dem Reisenden auf jedem Schritt begegnen. Unterwegs wurde auch beraten, wohin zunächst die „Hammonia“ ihre wissensdurstigen Passagiere bringen solle. Man kam überein, Sumatra, an dem man überdies schon vorüber gefahren war, nicht zu besuchen, und zwar weil hier das Pflanzen- und Tierleben bis auf einige wenige Abweichungen dem von Java völlig gleichsteht. Sumatra hat Rhinozerosse mit zwei Hörnern, einen etwas anders aussehenden Elefanten und einige andere Affenarten, ebenso eine besondere Baumwolle, einige auf Java nicht gefundene Holzarten und so weiter; aber der Unterschied ist nicht erheblich genug, um eine Reise durch das Innere zu rechtfertigen.

Es wurde also beschlossen, direkt nach Borneo zu gehen, vorher aber in Surabaja womöglich mit den Eingebornen zu Nutz und Frommen anderer Reisenden noch eine kleine Abrechnung zu halten. Glaubten sie, arglose, freigebige Menschen überlistet zu haben, so sollten sie dafür diesmal selbst die Überlisteten sein. Weder Holm noch der Doktor ließen irgend einen Plan durchblicken, sobald aber Surabaja erreicht war, und die Führer schon vor den ersten Häusern der Stadt Bezahlung verlangten, da änderte sich die Sache. Holm und Franz nahmen die Hilfe der Behörden in Anspruch und erzwangen von den Malaien ein umfassendes Geständnis ihrer Verräterei. Erst versuchten sie keck zu leugnen, sobald aber der Stock im Hintergrunde des Verfahrens auftauchte, legten sie Hände und Füße zusammen und bekannten alles. Nachdem sie die Mitschuldigen an dem Schurkenstreiche genannt, wurde jedem einzelnen eine kleine Gefängnisstrafe zuerkannt und kein Pfennig über die erstbedungene Summe hinaus gezahlt. Zwar baten die Knaben in letzterer Beziehung ihre Lehrer um Nachsicht für die Spitzbuben, welche sich in der eigenen Falle gefangen, aber sie trafen bei den beiden auf entschiedenen Widerstand. „Das Unrecht darf nie den Sieg behalten,“ erklärte der Doktor. „Redliche Menschen dürfen nie die Hand bieten, um gegen Betrüger eine höchst unangebrachte Milde zu üben. Die Gefängnisstrafe schütteln diese halbwilden Menschen sehr leicht ab, der Verlust aber bringt sie zum Nachdenken und zu der Erkenntnis, daß es selbst nicht einmal klug gehandelt ist, andere zu hintergehen, sondern daß aus der Sünde unnachsichtlich die Strafe erwächst.“

Bei dieser Gelegenheit faßte Hans einen guten Gedanken.

„Da die gelben Verräter nun doch einmal in unserer Gewalt sind und von Rechts wegen für ihre Schandthaten büßen müssen,“ sagte er, „so sehe ich gar nicht ein, warum wir die schöne Gelegenheit nicht benutzen sollen, einige von den Gelbgesichtern abzugipsen. Im Gefängnis werden sie schon still liegen.“

„Du hast recht,“ erwiderte Holm, „und wenn sie ruhig Modell liegen, so werden wir sehen, ob ihnen für gutes Verhalten nicht die Zeit ihrer Freiheitsstrafe verkürzt werden kann.“

Hans setzte alles zum Abgipsen Erforderliche in Bereitschaft, wobei Rua-Roa ihm hilfreiche Hand leistete. — „Es ist nicht sehr angenehm, den weißen Teig auf dem Gesichte zu haben,“ meinte Rua-Roa, „es drückt, es zieht, es beißt, es kratzt und der Strohhalm kitzelt in der Nase, aber da die Javaner uns schlecht behandelt haben, so bin ich dafür, daß ihnen das Vergnügen des Abgipsens nicht vorenthalten bleibe.“ Zu dieser Auseinandersetzung schnitt Rua-Roa so bezeichnende Grimassen, welche das Unangenehme der ganzen Prozedur schilderten, daß alle in ein lautes Gelächter ausbrachen.

Den Gefangenen wurde auseinandergesetzt, worum es sich handelte, und da sie vernahmen, daß sie um so eher aus ihrer Haft entlassen würden, je fügsamer sie sich verhielten, so willigten sie mit allerdings ziemlich sauren Gesichtern ein.

Hans und Rua-Roa machten sich alsbald an die Arbeit. Vier Abgüsse gelangen vortrefflich, der eine Javaner jedoch wurde ungebärdig, als die Gipsmasse auf seinem Gesichte sich zu verhärten begann. Er suchte dasselbe mit den Händen von der Masse frei zu machen, allein er wischte sich diese in die Haare des Kopfes und in die Ohren, so daß es nachher nicht möglich war, den festgewordenen Gips ganz zu entfernen. Man ließ ihn jedoch mit den anderen laufen, weil man nicht Lust hatte, wegen des einen Verbrechers viele Umstände zu machen.

„Hoffentlich wird sein Heiligenschein aus Gips von guter Wirkung auf seine Stammesgenossen sein,“ meinte Holm lachend, „sie werden daran sehen, daß die Weißen sich nicht ungestraft beleidigen lassen. Einige Wochen wird der Bursche wohl mit dem unfreiwilligen Kopfschmucke umherlaufen und die Erinnerung an seine Vergehen mit sich umherschleppen.“