Dann aber verband er mit des Kapitäns Hilfe die verschiedenen schmerzenden Glieder und legte Salben auf das von den Pfeilen zerrissene Fleisch; erst nachdem der erste Schreck überwunden, konnten die jungen Leute ihre Erinnerungen sammeln und sich alle Einzelheiten des kleinen Abenteuers ins Gedächtnis rufen. Das war so schnell, so überraschend gekommen, sie wußten selbst nicht recht wie. Nur daß die Wilden geglaubt hatten, diese Lampe sei ein Zauber, der das unter dem Wasser Befindliche zu entdecken und zu heben vermöge, schien klar; kein Wunder also, daß sie lebhaft wünschten, für ihre Fischerei und ihren Perlenfang den Fetisch zu besitzen.
Als das Schiff am Ausgang der Bai vorüberfuhr, hielten sich die Gelben sämtlich versteckt, wahrscheinlich aus Furcht, eine dieser entsetzlichen großen Kugeln in ihr Dorf einschlagen zu sehen. Die Fahrzeuge waren an Pfählen befestigt, alles Treiben ruhte, alle diese Wasserstraßen voll Kinder und Frauen, diese Boote voll handelnder Männer schienen plötzlich ausgestorben, dafür aber gewann, nachdem Kap Rivers umschifft worden, die Landschaft des Ufers einen immer anziehenderen Charakter. Auf weiten, freien, von üppigstem Graswuchs bedeckten Ebenen weideten zahllose Herden von kräftig gebauten Büffeln, Antilopen und namentlich auch kleinen, äußerst feurigen wilden Pferden, die ersten, welche die Reisenden in freiem Zustande angetroffen. Es gab ein hübsches Bild, die gewaltigen, plumpen Büffel und die leichtfüßigen Pferde so über das ebene Land dahingaloppieren zu sehen, zwischen ihnen schlanke Antilopen und den Annang, ein Mittelding des Rinder- und Antilopengeschlechtes, über ihnen auf allen Bäumen die schönsten, farbenprächtigsten Vögel, namentlich den Tropikvogel mit seiner wunderbaren, gebogenen, einzeln dastehenden Schwanzfeder und verschiedene Arten des Paradiesvogels, ebenso die großen samtglänzenden Schmetterlinge der Tropen.
Wäre nicht die Hitze beinahe unerträglich und dadurch die Schmerzhaftigkeit der Wunden bedeutend verstärkt gewesen, so hätten die Reisenden an manchem Punkt dieser einsamen Nordküste von Celebes schon angelegt und die friedlichen Wälder streifend durchforscht; so aber gab es viel zu leiden, Franz hatte sogar Fieber, und der Malagasche hinkte wie ein Stelzfuß; die Wunden waren noch nicht völlig geheilt, als einige Boote die Abenteurer an dem nördlichen Punkt der Insel, in Menehasse, an Land setzten. Absichtlich hatte man eine ganz versteckte, unbewohnte Ecke gewählt; hoch und steil ragte in scharfer Biegung das Ufer bis in die Wellen hinaus; eine schmale enge Bucht, am Felsen dahinlaufend und langsam im Grün des Bodens verschwindend, führte durch schattiges Dunkel auf einer Seite in den etwas versumpften dichten Wald und auf der anderen zum sandigen, der Sonne preisgegebenen Strande.
Diesmal war alles, was das Schiff entbehren konnte, mitgenommen worden, um die Alfuren von Feindseligkeiten zurückzuschrecken; auf Führer verzichtete man, Häuser wollte man nicht besuchen und auch nicht Tauschhandel anbahnen, sondern einzig und allein Pflanzen und Tiere sammeln. Zwei Tage und Nächte waren für diese gefährliche Expedition bestimmt, und jeder einzelne Mann trug Waffen für zwei. So ausgerüstet, verproviantiert und mit Munition und Wolldecken reichlich versehen, schlugen die kecken Abenteurer zunächst den Weg ein, der sie in das kühlere, schattige Innere des Waldes führte. Welch eine Labung nach der langen, brennend heißen Fahrt durch die Celebessee! Mit welchem Entzücken ließen die jungen Leute den stäubenden Wasserfall über sich dahinströmen; mit welchem Hochgenuß verzehrten sie die Beeren, deren reiche Fülle auf jedem Schritt zum Pflücken einlud! Hier brachte der Wind unter den undurchdringlichen Laubkronen die ersehnte Kühlung, hier lockte das dichte Moos des Bodens zum Ausruhen, der Gesang in den Zweigen, der Duft der Blumen zum Träumen auf weichem Blätterlager. Das Fleisch war gebraten vom Schiff mitgenommen, eine tüchtige Portion Brot und Cakes steckte in den leinenen Taschen, Käse und Rum befanden sich wohlverpackt daneben, ebenso gekochte Eier in Unzahl; man brauchte also für den Magen nicht zu sorgen, sondern konnte sich ganz den Neigungen überlassen.
Papa Witt war an Bord geblieben, nach langem Widerstand zwar, aber doch endlich besiegt. Die jungen Leute wollten ihn nicht mit sich nehmen, um unbehindert ihre Streifpartie hierhin und dorthin ausdehnen zu können, wobei ihnen der Alte im Wege gewesen wäre. „Es geht über Stock und Stein,“ hatte Holm gesagt, „die höchsten Berge hinauf und die tiefsten Schluchten hinunter, — wollen Sie das wagen, Steuermann?“
Und er wagte es nicht, aber er schärfte noch allen ein, sich vor den Alfuren zu hüten, besonders den Matrosen, deren Neigung für Reibereien und kleine Ausschreitungen er aus Erfahrung kannte. „Ihr geht in kein Haus hinein, Jungens,“ befahl er, „oder ich lasse euch im nächsten Hafen für Ungehorsam in aller Form bestrafen. Und noch eins — die Handharmonika bleibt hier auf dem Schiff!“
Sein ernster Blick suchte den des Kapitäns. „Ist mir’s doch, als sei es gestern gewesen, wo wir unseren Kameraden ohne Kopf wiederfanden,“ sagte er heimlich schauernd. „Gleich hier hinter der Ecke liegt das Dorf, — ich erkenne die Bucht und die scharfe Biegung; da hat sich in allen den Jahren nichts verändert, Kapitän. Wissen Sie was? — Wir verbieten kurz und gut den ganzen unklugen Zug in das Land der Halsabschneider. Ich will’s vertreten vor dem Chef, wenn wir nach Hause kommen.“
Dazu wollte aber der Kapitän sich nicht verstehen, obwohl ihn selbst der Anblick der bekannten Bucht weit tiefer erschüttert hatte, als er es dem alten Gefährten gegenüber äußerte. Weiterhin gab es keine Stelle mehr, wo Boote ungesehen die Landung zu bewerkstelligen vermochten; er schlug sich daher die Besorgnis, welche auch ihn heimlich beherrschte, so gut es anging, aus dem Sinn, und fügte nur noch den Ermahnungen des Steuermanns die seinigen hinzu; dann hatte er die kleine Gesellschaft ziehen lassen.
Tiefe Stille lag auf dem Walde, kein Mensch und kein Tier kreuzte den Pfad, nur seltsame, nie gesehene Vögel saßen auf allen Zweigen. Offenbar wurden diese hübschen Geschöpfe selten oder nie gejagt, denn ihre Zutraulichkeit ging so weit, daß sie sich zuweilen mit ausgestreckter Hand ergreifen oder sich eine Hanfschlinge über den Kopf werfen ließen. Einen derselben sahen die Knaben, als er an sumpfiger Stelle Schlamm mit dem Schnabel aufhäufte und dann davonflog. Es war ein niedriger Hügel entstanden; Franz untersuchte ihn sofort und entdeckte zu seinem Erstaunen unter einer zähen, leichten Schlammschicht fünf Eier, die jedenfalls dort von der Sonnenwärme ausgebrütet werden sollten. Eine genauere Durchforschung der Umgegend brachte noch dreißig oder vierzig weitere derartige Erdnester an das Tageslicht, zum Teil unter Schlamm, zum Teil unter Gras und Blättern verborgen, blaue und weiße, grüne und gesprenkelte Eier zeigend, aber sämtlich in einer Vertiefung des Bodens gelegen; nirgends zeigten sich Spuren einer brütenden Mutter. Natürlich wurden nur so viele Eier genommen, als verschiedene Arten vorhanden waren und immer auch nur eins aus jedem Neste; die Vögel schienen sich indessen um ihre Nachkommenschaft sehr wenig Sorgen zu machen, sie flogen davon und ließen die Weißen in ihrem Thun unbehelligt.
Von Strecke zu Strecke wurde der Wald sumpfiger und unwegsamer. Ausgedehnte stehende schwärzliche Gewässer, von mannshohem Schilf umkränzt, lagen unter dem ewigen Schatten der Bäume, große Krokodile dehnten sich an den Ufern, Schlangen glitten über den Fußboden dahin, und zuweilen tönte in der Ferne ein Brechen und Knacken, als wenn von flüchtenden Tieren das Unterholz gewaltsam beiseite gedrängt werde. Dann horchten die Weißen; aber der Klang verhallte, und es zeigte sich nichts; die Herde mußte ihren Weg in entgegengesetzter Richtung genommen haben.