Es wurde ein deutsches Lied angestimmt; im kräftigen Chor durchhallte das „Freiheit, die ich meine“ den australischen Wald, und gefolgt von einer Menge schwarzer, arg bemalter und tättowierter Gestalten zogen unsere Freunde im hellsten Sonnenschein dahin, vergeblich ein Dorf oder eine Niederlassung suchend, vergeblich nach genießbaren Baumfrüchten ausspähend, vergeblich hinter jeder neuen Lichtung, jedem Busch oder Fluß bebaute Felder erwartend. Nur Fichten und Fichten, dazwischen der amerikanische Hickory, schönblühende Myrthaceen, Kasuarinen, sowie der Gummibaum mit seinen steifen, lederartigen, glanzlosen Blättern; aber nie Fruchtbäume. Am Boden blühten viele schöne Blumen, doch waren sie geruchlos und von großer Einförmigkeit der Erscheinung, den Tropen gegenüber geradezu ärmlich.

Dieser helle, lichte, sonnendurchschienene Wald wechselte stellenweise mit dem berüchtigten, australischen „Busch“, einer Wildnis von Dornen, Akazien, großen Immortellen und Protaceen, auf deren Boden kein Halm sproßte, die dagegen aber bewohnt waren und zwar von verschiedenen, meist unbedeutenden Tiergattungen, namentlich den Dingos (wilden Hunden) und den zahllosen größeren oder kleineren Beuteltieren, marderähnlichen Geschöpfen mit langem, buschigen Schwanz und dem bekannten, an der Unterseite des Körpers liegenden Hautbeutel, worin die Weibchen ihre Jungen tragen, bis dieselben ausgewachsen sind, und wohin diese selbst dann noch zurückkehren, wenn ihnen während ihrer ersten Jugend draußen irgend eine Gefahr droht.

Die behenden Tiere zeigten sich nie im Freien, sondern lugten aus den Erdlöchern der Buschpartieen vorsichtig herauf, um dann eben so schnell wieder zu verschwinden; sie ohne Hunde zu jagen, war ganz unmöglich. Holm postierte bei einer dieser Höhlen die jungen Leute so, daß ihnen das flüchtende Beuteltier jedenfalls zu Schuß kommen mußte; dann begann er selbst mit Hilfe des Malagaschen den Erdhügel oberhalb der Wohnung durch Axtschläge und Spatenstiche abzuräumen, während ein Trupp Wilder daneben stand und neugierig beobachtete, was die Weißen thaten.

Zuweilen zeigte ein leises Geräusch unter der Erde, daß die Tiere höchst wahrscheinlich schon in Unruhe gerieten, daß ihnen vielleicht bröckelndes Gestein auf den Kopf fiel oder die Wahl zwischen Flucht und Tod ihren erschreckenden Einfluß ausübte; dann geschah etwas, worüber alle Weißen lachten, bis ihnen der Atem versagte. Das Männchen des Beuteltieres, der marderähnliche Rotschwanzbeutler, schoß mit einem plötzlichen, gewaltigen Sprung aus dem Eingang hervor; schon mochte er glauben, sich durch seine kecke That der Gefahr glücklich entzogen zu haben, als im selben Augenblick zwei Schüsse krachten und der schlanke, aufbäumende Körper sterbend zu Boden stürzte, — außer ihm, den die Kugeln durchbohrten, waren aber auch alle Wilden wie ein Haufen Kartenmännchen hingefallen und zumeist auf das Gesicht. Höchst wahrscheinlich hatten sie die Büchsen für Stöcke gehalten und waren bei dem doppelten Knall dermaßen erschrocken, daß ihr bißchen Nachdenken sie vollständig im Stich ließ, ja, daß sie die dämonischen Mächte ihrer dunklen, halbverworrenen Vorstellungen verkörpert vor sich zu sehen glaubten.

Es war komisch und bedauernswert zugleich, diese hingestreckten schwarzen Gestalten zu beobachten, wie sie, weit mehr Tier als Mensch, so hilflos dalagen, aller vernünftigen Vorstellung bar, außer sich vor Angst unter dem Eindruck eines Büchsenschusses; der Doktor ging von einem zum andern, sprach hier deutsch und dort jenes fabelhafte Etwas, das er englisch nannte; er versuchte auch, die rotbemalten Schultern aufzuheben und riskierte endlich sogar einen zornigen Befehl, aber das alles half nichts, bis Holm vorschlug, es mit einem andern Verfahren zu probieren. „Zeigen Sie einmal die Knöpfe und Metallringe, welche wir mitgebracht haben, Doktor,“ riet er.

Und das half über Erwarten. Der alte Herr setzte sich auf eine Erhöhung des Weges, in seiner Hand glänzten allerlei Spielereien, womit in zivilisierten Ländern kleine Kinder belustigt werden, — und siehe da, Kopf nach Kopf tauchten aus dem Gras die schwarzen Gesichter herauf. Hier erhob sich vorsichtig eine Gestalt, deren Ocker und Mennig den Boden klumpenweise färbte, hier rang sich ein Laut des Entzückens von den schnalzenden Lippen einer Frau, dort flüsterten Kinder, unfähig, dem erwachten Verlangen zu widerstehen.

Und der alte Theologe hielt mit einer Hand seine Messingknöpfe in das Sonnenlicht, mit der andern winkte er den Zögernden. „Nur her, ihr Ärmsten unter den Armen, nur her, verirrte Wesen, was fürchtet ihr denn eigentlich? — Da, da, — und da! — Aber nun seht euch auch die Gewehre an; hier!“

Er hatte die Waffe aus dem Grase genommen und wollte sie jetzt den Wilden in aller Ruhe zeigen, aber weg, wie vom Wind entführt, war plötzlich die ganze Schar, der nächste Busch hatte sie verschlungen.

Franz hatte unterdessen seine Jagdbeute in Sicherheit gebracht, worauf sich sämtliche junge Leute vereinigten, um nun aus dem Bau das wahrscheinlich noch darin befindliche Weibchen des Rotschwanzbeutlers lebend hervorzuziehen. Vor allen Dingen wurde zu diesem Zweck der Ausgang verschüttet und nun vorsichtig weiter und weiter gegraben, bis die letzte Erdschicht einstürzte und dadurch die Weißen die Möglichkeit erhielten, das kleine, mit den andrängenden Massen kämpfende Tier einzufangen. Es sollte seine Freiheit zurück erhalten; nur wollten die jungen Naturforscher gern den seltsamen Beutel des Muttertieres in der Nähe sehen und womöglich die kleinen Jungen darin entdecken; daher mußte es gefesselt und zur Flucht unfähig gemacht werden. Die Sache gelang nur nach vieler Mühe und einigen von den scharfen Nagezähnen erlittenen derben Bißwunden, dann aber waren glücklich die Vorder- und Hinterfüße, je zwei zusammen, mit starken Stricken gebunden, und zum Überfluß die Schnauze mit einem starken Taschentuch umwickelt. Das Tier pfauchte und zischte, aber es konnte sich nicht wehren, als zwei von den jungen Leuten seinen Körper in ausgestreckter Lage erhielten, während Holm den breiten, unförmlichen Beutel untersuchte.

Diese mit einem engen Spalt versehene Hauttasche umgab rings im Kreise eine Anzahl sehr langer Milchzitzen, an deren jeder ein unausgewachsenes, bewegungsloses und nur mit undeutlichen Gliedmaßen versehenes Junges hing, das dort thatsächlich festgewachsen war und erst, nachdem das kleine Mäulchen die nötige Weite erreicht haben würde, die mütterliche Zitze wieder verlassen konnte. Der Spalt wurde sehr vorsichtig geöffnet, so daß es dem gefesselten Tier keinen Schmerz verursachte, und dann, nachdem alle die kleinen, saugenden Wesen bewundert, die geängstete Mutter wieder in Freiheit gesetzt. Ein einziger, trotz der fünffachen Last gewandter und schneller Sprung brachte den Pelzträger aus dem Bereich der verfolgenden Blicke.