Der Vogel, seiner Größe und glänzenden Farbe nach zu urteilen das Männchen, nahm nun den Zweig und verflocht ihn gar künstlich und geschickt in die Wand der Laube, und ließ, als er die Arbeit vollbracht, einige wohllautende Töne hören, als freue er sich des gelungenen Werkes. Nach einiger Weile kam das minder schön gefärbte Weibchen hinzugeflogen, das eine hochrote Papageienfeder im Schnabel hielt, die es im Innern der Laube anbrachte. Als dies geschehen war, lockte es das Männchen, welches in die Laube hüpfte und durch allerlei Gebärden seinem Wohlgefallen an dem neu erworbenen Zierat Ausdruck verlieh. Die beiden Vögel hüpften in der Laube auf und ab, schlugen mit den Flügeln und spielten vergnügt mit einander in dem kleinen Palast, den sie sich erbaut hatten, so gut ein Vogel es nur irgend kann.
„Ihr Nest haben die Atlasvögel an einem anderen Orte,“ sagte Holm, „dies hier ist ihr bestes Zimmer oder, wenn wir wollen, ihr Museum, an dessen Schätzen sie sich erfreuen. Wollen wir die Vögel schießen?“
„Schenkt ihnen das Leben,“ bat der Doktor. „Ihr ganzes Betragen hat so etwas Harmloses und Freundliches, daß es mir fast ein Unrecht erscheint, sie zu töten.“
„Nun so mögen sie leben bleiben,“ versetzte Holm, „obgleich ich gerne ein Exemplar für unser Museum in Hamburg gehabt hätte.“
In diesem Augenblicke kam ein dritter Atlasvogel angeflogen, der sich vor der Laube niederließ und eine blanke Muschelschale zu stehlen suchte, trotz der Abwehr der Eigentümer der Laube.
„Oha,“ rief Holm, „du willst hier annektieren. So ein Sozialdemokrat, der das Eigentum auch teilen will, soll seinen ihm gebührenden Lohn empfangen.“ Ein wohlgezielter Schuß aus der Vogelflinte streckte den unberufenen Gast und Räuber danieder. „Nun haben wir alle unseren Willen,“ sagte Holm. „Der Doktor sieht das Leben seiner Schützlinge erhalten und wir haben einen Atlasvogel für unser Museum.“ Die beiden anderen Atlasvögel waren davon geflogen, und die beste Gelegenheit zum Inspizieren der Laube war gegeben. Franz zeichnete dieselbe, während Holm sich anschickte ein frugales Mahl zu bereiten. Nachdem dieses eingenommen, machte man sich auf den Rückweg, und zur rechten Zeit, noch vor Sonnenuntergang, erreichten sie das Lager.
Am folgenden Tage begann die Durchforschung des Strandes. Schwarze Austernfische fanden sich reichlich, viele hübsche Reiher und weiße schwanenartige Vögel, ebenso auf den Klippen der nur in Australien lebende weiße Hummer und sehr schöne Schnecken und Muscheln, welche die Flut zu hoch hinauf geworfen, als daß ihnen der Rückzug ins Meer noch möglich geworden wäre. Hier sah man auch die Makadamas auf dem Gebiet ihrer eigenen Thätigkeit; sie zimmerten Kanoes, sogenannte Einbäume von alten umgewehten Baumstämmen und zwar mit den Eisenteilen gestrandeter Schiffe. Ohne alle Meßinstrumente, ohne Beil oder Säge, nur mit eisernen Faßreifen, die spitz und scharf geschliffen waren, brachten die Wilden schlanke, schnell dahinschießende Fahrzeuge zu stande; auch platte Doppelruder, die blitzartig von einer Hand zur andern flogen und bei jeder Drehung über den nackten Körper des Schiffers einen Tropfenregen ergossen, hatten diese Boote, denen die Sitzbretter gänzlich fehlten, und deren hinterer Teil zollhoch mit Wasser überspült war. Die dreizackige Harpune des Ruderers brachte nach jedem Stoße einen zappelnden Fisch aus der Tiefe mit herauf.
Während die Weißen über den klippenreichen, vielfach ganz unpassierbaren Strand dahingingen und sich an solchen Punkten, deren Ausläufer wie Kaps bis ins Meer vorsprangen, wieder landeinwärts schlugen, entdeckten sie in den Kronen der Bäume eine Anzahl längliche Pakete, deren Form unschwer erkennen ließ, daß hier auf die Weise der Dajaks Leichen dem Verfall ausgesetzt worden waren, nur insofern anders, als man dort die Gestorbenen den Raubvögeln preisgab, während hier, wo diese fehlten, der Körper in Baumrinde gewickelt, mit Bast umschnürt und am Waldrande aufgehängt wurde, damit ihn die Sonne vertrockne.
Nachdem der Ankerplatz erreicht worden, nahmen die Reisenden, so gut als dies bei der gänzlichen Unkenntnis der Sprache möglich war, Abschied von den Wilden, die auch hierher nachgelaufen kamen und sich bei den vielen Schüssen, welche sie an diesem Vormittag schon gehört, einigermaßen mit Klang und Wirkung vertraut gemacht hatten. In der Bai, wo das Schiff lag, apportierten sie sogar, wie gut geschulte Hunde. Sich hinter Bäumen versteckt haltend, so oft einer der Weißen zielte, sprangen sie in das Wasser und brachten den getroffenen Vogel zwischen den Zähnen herbei.
Alle blanken Knöpfe, Kattunstückchen, Metallringe und namentlich ein Spiegel wurden unter die bemalten Gestalten verteilt; — den kleinen Rasierspiegel erhielt eine Frau, die sogleich, als sie ihr eigenes, nie gesehenes Antlitz erblickte, hinter das Glas griff und die vermeintlich Fremde aus dem Versteck hervorziehen wollte. Erst durch verschiedene Versuche über den Irrtum dieser Anschauung belehrt, schien sie zu glauben, daß hier etwas Geheimnisvolles, Geisterhaftes vorgehe; sie gab das Glas einem der anwesenden Männer, dessen Gesicht sich vor Schreck zusehends verlängerte. Er legte den Spiegel auf den Rand eines Felsens und schlich leise herzu, ganz geräuschlos, als wolle er den Zauber da drinnen überlisten, — Zoll um Zoll hob sich der schwarze Kopf, endlich hatten die Augen den Rand des Glases erreicht, zaghaft sah er hinein und fuhr eben so schnell zurück, — wieder das feindliche Gesicht!