Alle faßten das Seil und taktmäßig, mit lautem Ahoi, wie auf dem Schiffe, förderten sie ruckweise den Doktor langsam in die Höhe, bis nach einiger Zeit der Gerettete wieder festen Boden unter seinen Füßen hatte.
Doktor Bolten sank auf die Kniee, als er glücklich wieder oben war, und seine Lippen sprachen ein leises Dankgebet. Dann reichte Hans ihm die Feldflasche, aus der er einen tüchtigen Schluck nahm, der ihn nach der überstandenen Angst und Gefahr sichtlich erquickte. Als er erfuhr, auf welche Weise die Rettung zustande gebracht war, reichte er Franz und Rua-Roa beiden die Hand. Er war zu bewegt, um sprechen zu können. Dann faßte er sich und sprach nur die wenigen Worte: „Der Segen eines alten Mannes ruhe auf eurem Haupte!“
Holm schlug nun vor, diese gefährliche Gegend zu verlassen und den Wald aufzusuchen, wo kräftiger Baumwuchs von dem Nichtvorhandensein der tückischen Naturfallgruben Zeugnis ablegte. Alle waren mit diesem Vorschlage einverstanden, und bald war die Gefahr, in welcher der Doktor geschwebt hatte, vergessen. Die Jagdlust und das Vorkommen reichlichen Vogelwildes stellte bald wieder den alten Frohsinn her. Holm erlegte einige der zierlichen Diamantvögel und einen der schwer zu erlangenden Emuschlüpfer. Der Schwanz dieses allerliebsten Vogels besteht nur aus sechs mit zerschlissenen Fahnen besetzten Federn. Seine Behendigkeit vereitelt fast immer die Nachstellungen, wozu noch kommt, daß er in der Kunst des Versteckens außerordentlich erfahren ist.
Als sie vorwärts schritten und in eine Niederung gelangten, auf der immergrüne Zedergebüsche sich ausbreiteten, machte Holm plötzlich Halt und winkte den andern mit der Hand zu, sich ruhig zu verhalten.
Die Knaben hielten ihre Gewehre in Anschlag. „Ein Raubtier?“ fragte Hans.
„Nein,“ erwiderte Holm leise. „Kommt behutsam an meine Seite, uns bietet sich ein reizendes Schauspiel dar.“
Alle traten mit leisen Schritten näher, und in der That nahmen sie durch die dichten Zweige, welche Holm vorsichtig zurückbog, einen merkwürdigen Gegenstand wahr, den sie früher noch niemals gesehen hatten.
Unter einer ziemlich großen Zeder sahen sie aus feinen und biegsamen Reisern erbaut eine kleine Hütte, die in ihrem Aussehen einer spitzdachigen Laube glich und an jeder Seite einen offenen Eingang besaß. Vor der Laube lagen bunte Schneckenschalen, Muscheln, weißgebleichte Knochen und glänzende Kieselsteine. Das Innere der Laube war mit roten, gelben und blauen Papageienfedern dekoriert, als sollte in derselben ein Fest gefeiert werden.
„Sollte das Hüttchen von den Kindern der Eingebornen im Spiel erbaut sein?“ fragte der Doktor.
„Wir haben den merkwürdigen Bau des Atlasvogels vor uns,“ erklärte Holm. „Die Vögel sind soeben davon geflogen, wenn wir uns ruhig verhalten, wird es uns hoffentlich gelingen, Augenzeuge von ihrem Thun und Treiben zu sein.“ Kaum hatte er diesen Wunsch geäußert, als es durch die Luft schwirrte und ein Vogel mit einem Reisigzweig im Schnabel sich vor der Laube niederließ. Sein wie Atlas glänzendes Gefieder war tief blauschwarz, die Flügel- und Steuerfedern samtschwarz, blau an der Spitze, das hellblaue Auge besaß einen roten Ring, die Füße waren rötlich.