Kaum hatte er diese Warnung ausgesprochen, als der Doktor vor ihren Augen verschwand und mit einer dichten Masse von moderndem Laub in die Erde sank. „Hilfe!“ rief er aus der Tiefe. Sie eilten rasch an den engen Schlund, der sich vor ihren Augen öffnete.
„Haben Sie sich verletzt, Doktor?“ fragte Holm besorgt.
„Gott sei Dank, nein,“ scholl es herauf; „aber die Felsenwände sind so glatt und schlüpfrig, daß ich mich nirgends anhalten kann. Ich sinke allmählich tiefer. Helft mir rasch.“
Mit größter Eile wurden die Riemen der Gewehre an einander geknüpft und hinabgelassen, sie erreichten jedoch den Doktor nicht, da sie nicht lang genug waren. Was nun beginnen? Woher einen Strick nehmen, um den Verunglückten heraufzuziehen, der langsam weiter in die Tiefe glitt und flehend um Hilfe rief? Mit jeder Sekunde nahm die Gefahr zu, die Felsenspalte konnte unergründlich sein und sich nach unten erweitern. Dann war der Doktor verloren. In solchen Augenblicken der höchsten Not kommen dem Menschen jedoch oft Gedanken zur Rettung und zwar so plötzlich, als hätte sie ihm jemand zugerufen, der unsichtbar ihm zur Seite stände. Wie mit Wundermacht wird dann das Unscheinbarste zum wichtigen Hilfsmittel, und wer nur Augen hat zum Sehen und Ohren zum Hören, der erfährt zu solcher Stunde, daß immer noch Zeichen und Wunder geschehen, daß Gott den Menschen zur Zeit der Prüfung nicht verläßt.
Franz war es, in dem sich blitzschnell der Gedanke zur Rettung des Doktors offenbarte. Ehe noch jemand begriff, was er wollte, hatte er den leichten Rock abgeworfen und sich des starken Leinenhemdes entledigt, das er rasch mit dem scharfen Jagdmesser in Streifen zerschnitt, die er wie einen Strick zusammendrehte und an einander knüpfte. „Wenn es nur ausreicht?“ flüsterte er bange.
Rua-Roa hatte sofort begriffen, was Franz im Sinne hatte, und folgte seinem Beispiele. Auch er warf sein Gewand ab und zerschnitt es mit dem Messer, das Franz ihm damals geschenkt hatte, als er so tapfer die Prozedur des Gipsens über sich ergehen hatte lassen. „Ich helfe dir, mein weißer Bruder,“ rief er, „Doktor Bolten muß gerettet werden und sollte ich meine ganze Habe, ja mein Leben für ihn hingeben. Er hat mich gelehrt, daß alle Menschen Brüder sind und daß der arme Waisenknabe Rua-Roa einen Vater im Himmel hat, dessen Kind er ist. Ich wollte sein Sklave sein, er aber hat mich freigegeben. Retten wir den guten Doktor!“
Die Stricke aus dem Zeug waren in fieberhafter Eile geflochten, alle legten sie Hand an, und nachdem dieselben an die Lederriemen der Gewehre geknüpft waren, wurde das so erhaltene Seil in die Felsenspalte hinabgelassen. „Geben Sie acht, Doktor,“ rief Holm, „und suchen Sie das Seil zu erhaschen!“
Eine ängstliche Pause entstand. „Haben Sie das Seil?“ rief Holm.
„Ich halte es!“ ertönte die Antwort aus der Tiefe.
„Nun zieht an,“ kommandierte Holm.