Das erste, was ihnen bei ihrer Wanderung aufstieß, war ein Schwarm prächtiger Kakadus mit blendend weißem Gefieder und gelbem Schopf. „Wir wollen von diesen herrlichen Geschöpfen keines erlegen,“ sagte Holm, „denn der Kakadu ist in Europa hinreichend bekannt, und wir würden uns nur unnötig mit den Getöteten beladen. Wenn ihr jedoch einen großen schwarzen Papagei sehen solltet, so zögert keinen Augenblick und sucht ihn zu erlegen.“

Der ersehnte Papagei zeigte sich nicht. Wohl aber schoß Franz einen schön gefärbten Papagei, die Rosella, der bunt war wie ein Harlekin. Oberkopf, Halsrücken, Brust und Unterschwanzdecke waren scharlachrot, die Wangen weiß, die Rückenfedern schwarzgelb gesäumt, der Hinterrücken, die Oberschwanzdeckfedern und der Bauch, mit Ausnahme eines gelben Fleckes, grasgrün, die Flügelmitte hochblau, die Schwingen dunkelblau mit blauem Rande, die Schwungfedern grün, blaugrün und am Ende lichtblau mit weißer Spitze.

Alle waren über diese Beute erfreut, und auch Doktor Bolten äußerte sein Wohlgefallen über die Farbenpracht dieses Vogels. „Die Natur übertrifft oft die Phantasie des Menschen,“ sagte er. „Kein Seidenweber in Lyon ist imstande, ein so herrliches Gewand zu weben, als dieser Vogel trägt, wie denn anderseits noch kein Komponist solche Töne finden konnte, wie die, mit denen daheim die unscheinbare Nachtigall unser Herz erfreut.“ Er wollte weiter sprechen, als ein Schuß seine Rede unterbrach. Hans hatte geschossen und stieß einen Freudenruf aus, als er sah, daß sein Ziel glücklich getroffen war. „Der schwarze Papagei!“ rief er, „ich habe ihn erlegt!“

Er eilte auf die Stelle zu, an welcher der Papagei im Grase lag, und hob ihn auf.

„Fürwahr,“ rief Holm, „ein Rüsselpapagei — der Kasmalos!“ Der Vogel war größer, als alle bekannten Papageien und übertraf selbst den Arra an Länge und Flügelweite. Sein Gefieder war gleichmäßig tiefschwarz gefärbt und schillerte etwas ins Grünliche. Sein Kopf trug eine ebenfalls schwarze Federholle, der große Oberschnabel bedeckte den kleineren Unterschnabel vollkommen. Holm zeigte nun den Knaben den eigentümlichen Bau der Zunge. Diese war ziemlich lang und fleischig, nicht breiter als dick, aber oben ausgehöhlt und vorne an der Spitze abgeflacht. Sie kann weit aus dem Schnabel vorgeschoben und von dem Vogel wie ein Löffel gebraucht werden, mit welchem er die vom Schnabel zerkleinerten Nahrungsmittel aufnimmt und der Speiseröhre zuführt. Die Ränder der Zunge sind sehr beweglich und können vorne von rechts nach links her gegen einander gewölbt werden, so daß sie den ergriffenen Speisebissen wie in einer Röhre einschließen, in welcher er leicht zum Schlunde hinabgleitet. Wegen dieser Eigentümlichkeit der Zunge ist ihm der Name Rüsselpapagei zuerteilt worden. Da der Rüsselpapagei zu den größten Seltenheiten der europäischen Sammlungen gehört, war Holm besonders froh über den glücklichen Schuß, den Hans gethan hatte, der seine Beute nicht ohne Stolz betrachtete.

„Fast könnte ich eifersüchtig auf den Schützen werden, wenn es nicht mein Bruder wäre,“ sagte Franz. „Paßt nur auf, noch ist nicht aller Tage Abend, vielleicht gelingt es mir, ein zweites Exemplar dieser seltenen Art zu erlegen, oder ich schieße ein Geschöpf, das eben so wertvoll ist, wie dieser Rüsselvogel!“

„Ein edler Wettstreit, aus dem die Naturforschung Nutzen ziehen wird,“ meinte Holm lachend.

„Das ist die wahre Konkurrenz,“ sagte der Doktor, „sie fördert und regt an, sie — —“

Schon wieder fiel ihm ein Schuß in die Rede. „Nehmen Sie’s nicht übel, Doktor, daß ich Sie unterbrach!“ rief Franz, „aber hier in der Wildnis geht leider die Notwendigkeit über die Höflichkeit. Ich mußte schießen!“ Er sprang davon und holte die erlegte Beute — einen prachtvollen Leierschwanz.

„Das nenne ich ein Jagdglück,“ rief Holm, „denn dieser Vogel mit seinen wundervollen langen Schwanzfedern, die wie eine Leier gestaltet sind, kommt nur selten zum Schusse. Mancher Jäger hat sich schon tagelang im Busche aufgehalten und hörte die laute, helle Stimme der scheuen Vögel, war aber nicht imstande einen derselben zu Gesichte zu bekommen. Merkwürdig ist, daß wir diesen Vogel hier antrafen, der sonst in Gegenden wohnt, die schwer zu erreichen und wegen tiefer, nur mit vermodernden Pflanzen bedeckter Felsenspalten dem Jäger lebensgefährlich sind.“ Als Holm den Leierschwanz näher untersuchte, ergab sich, daß der Vogel ein verletztes Bein hatte, was ihn am Laufen verhindert haben mußte. Holm mahnte zur Vorsicht beim Betreten des Bodens, denn schon oft sei ein Jäger in die heimtückischen Felsenspalten geraten, in deren Nähe sich die Leierschwänze aufhalten, und nichts sei dem Unglücklichen übrig geblieben, als sich vermittelst eines Schusses durch den Kopf vom langsamen Verschmachten zu befreien, denn auf eine Hilfe von Menschenhand kann niemand in diesen Einöden rechnen, der tief in eine steile Felsenspalte geraten ist.