„Großer Gott,“ rief Holm, „wenn es ein Hai wäre!“

Alle Arme spannten sich an die Taue, alle zogen mit der Kraft der Angst, — wie ein Ball hätte nach ihrer Berechnung der Taucher an die Oberfläche gelangen müssen, — aber dennoch rührte sich da unten nichts, dennoch hing es bleischwer in der Tiefe und schien aller Bemühungen der Matrosen zu spotten. Wieder und wieder kam aus dem Wasser das Signal.

Kalter Schweiß stand auf Holms Stirn. Hatte etwa ein Hai den Unglücklichen gepackt, und hing er selbst mit seiner ganzen Schwere an dem nur für einen Menschen berechneten Seile?

„Zieht! Zieht!“ rief er mit erstickter Stimme. „Um Gottes willen, thut euer Möglichstes, den Mann zu retten!“

Diesmal hingen sich sogar der Doktor und Hans mit an die Taue, alle Hände bluteten, alle Muskeln spannten sich auf das äußerste, langsam, ganz langsam wurde die Last heraufgehoben. Unheimliche Stille lag auf dem ganzen kleinen Kreise; es schien, als fürchte jeder, den entsetzlichen Vermutungen, welche er hegte, durch Worte Ausdruck zu verleihen. Was würde man binnen wenigen Minuten vielleicht sehen, was zog man Unheimliches, Vielhundertpfündiges da aus dem verborgenen Schoße des Meeres hervor?

Jetzt, jetzt mußte es kommen.

Über dem Wasser erschien der Kopf des Tauchers, die Rüstung war unversehrt, aber als der Mann emporsah, sprachen aus seinem blassen Gesicht Furcht und Verwirrung. — Ein Ruck noch, dann zeigte sich aller Augen das Geschehene.

Um den Körper des Tauchers hatte sich von hinten her eine der größten Quallen, eine Sepie mit vier furchtbaren Armen festgeklammert. Diese letzteren, anderthalb Meter lang und von der Dicke eines starken Ofenrohres, besaßen einen gemeinsamen Mittelpunkt, den mißgestalten Körper, an welchem der befranste, unförmliche Mund ohne Kopf zwischen den Vorderarmen saß und immerwährend mit den Fühlern nach einer offenen Stelle zum Saugen tastete. Offenbar hatte das Ungeheuer der Tiefe den Mann so fest umfaßt, daß ihm der Atem auszugehen drohte; wenigstens schien er beinahe leblos.

Die Sepie ließ auch außerhalb des Wassers nicht von ihrem Opfer; sie mußte aus stärkerem Stoff sein, als ihre kleinen Verwandten; die Axthiebe, welche jetzt Rumpf und Arme trennten, trafen auf eine ziemlich widerstandsfähige Masse, die mehr zähe als fest war und unglaublich viele Saughaken besaß.

Das alles ging zauberschnell, ohne Worte oder Befehle, ohne irgend welche Hindernisse von statten. Die Rüstung wurde abgestreift, der Körper des Scheusals am Rumpf zerschnitten und der Taucher von allen beengenden Einflüssen frei gemacht. Nachdem man ihn gerieben, gewalkt und ihm etwas Rum eingeflößt, kam er langsam wieder zu sich. Ihm war außer der erlittenen Todesangst kein weiterer Schaden geschehen. Erst jetzt wandte sich die Aufmerksamkeit der Reisegefährten dem Untier zu, Franz legte die einzelnen Glieder wieder aneinander, und Holm maß die stattliche Länge von drei und einem halben Meter, wobei jedoch der Matrose versicherte, daß er die häßlichen Geschöpfe schon doppelt so groß gesehen. Er erzählte nun auch, wie sich der Polyp ihm von hinten unbemerkt genähert und ihn umfaßt habe, als wolle er ihm alle Rippen zerbrechen. „Ich versuchte es, den ersten Arm abzulösen,“ sagte er, „aber das war unmöglich; im Gegenteil faßten drei andere nach, und nun ging mir der Atem aus. Was geschehen ist, nachdem ich ein paarmal das Zeichen zum Aufziehen gegeben, kann ich mich nicht mehr erinnern, jedenfalls aber hat mich die Rüstung vor dem sichern Tode geschützt. Diese Saugapparate lassen gutwillig nichts, was sie einmal erfaßt haben, wieder los.“