„Wir wollen uns hier nicht aufhalten,“ hatte Holm gesagt. „Nicht nur alle Samoainseln, sondern überhaupt alle im Großen Ozean besitzen eine in den wesentlichsten Punkten übereinstimmende Tier- und Pflanzenwelt, die zwar nach dem Äquator hin üppiger und artenreicher wird, sonst aber doch die gleiche ist. Neues, anderes begegnet uns nicht, auch wenn wir alle Häfen anlaufen; laßt uns daher erst auf Opolu längere Rast machen und dort Felsen besteigen, dort die Schlünde und Untiefen alter Krater durchforschen, namentlich da hier die wenigen Bewohner an der Nordküste leben und für uns weder Führer noch Lebensmittel aufzutreiben wären.“
Der Vorschlag wurde angenommen und die beschwerliche Kletterpartie über ungangbare Pfade nach wenigen Stunden wieder aufgegeben. Schöne, malerische Felshöhlen hatten die Reisenden gesehen, eine großartige, wildromantische Natur, ein selten berührtes einsames Gebiet, auf dem fast alles noch ursprünglich und von keiner Kultur beeinflußt erschien; aber lebende Wesen waren ihnen außer vielen Strandvögeln nicht begegnet. Ein eigentümliches Gefühl beherrschte die Teilnehmer der jetzt gegen drei Jahre dauernden Weltreise, als sie von Sawaii aus wieder an Bord gingen. Auf Opolu wartete ihrer ein halbes Zuhause; bekannte, befreundete Gesichter würden sie empfangen, deutsche Laute, deutsches Wesen ihnen entgegenkommen; da war der Name Gottfried in jedermanns Mund, da standen die großen Faktoreien des Hamburger Handelshauses und hatte deutsche Bildung, deutscher Unternehmungsgeist aus der Wildnis ein kleines, blühendes Gemeinwesen erschaffen, eine hübsche Stadt, die ihre Bewohner gut ernährte, und von wo aus sich europäische Gesittung erfolgreich immer weiter verbreitete. Aber mehr als alles das! — Die Söhne des Gottfriedschen Hauses würden hier in ihrem Eigentum sein, auf väterlichem Grund und Boden wohnen, höchst wahrscheinlich sogar auch mehrere Schiffe der väterlichen Firma antreffen, — das ließ die Herzen höher schlagen, das stimmte weich und fröhlich, wie man es seit langer Zeit nicht empfunden hatte.
Schon folgenden Tages kam Opolu in Sicht, schöner als irgend eine Küste, der die Vielgereisten bis dahin begegnet waren. Das erste, was die Blicke aller magnetisch fesselte, war ein Wasserfall. Von schwindelnder Höhe herab und in die krausbewegten Meereswellen fiel ein mächtig breiter Wasserstrahl über eine natürliche Terrasse aus Felsen, die ihre Vorsprünge und Klippen, ihre Pfeiler und Stufen nur vorzustrecken schien, um den Lauf des flüssigen Elementes in hundert und aberhundert Einzelwege zu teilen, in Ströme und Bäche, die sich dennoch um einige Stufen tiefer wieder zum Ganzen vereinten, breiter und breiter, schäumend, rollend und donnernd, ewig verändert und ewig dasselbe, wunderbar schön im Sonnenglanz, blau und golden überhaucht, ein lebendes, bewegliches, majestätisches Etwas, von dem sich das Auge nicht wieder loszureißen vermochte, zu dem es zurückkehrte, so oft auch andere landschaftliche Schönheiten versuchten, mit diesem höchsten Reiz des Bildes zu konkurrieren.
Hoch über der schäumenden, silberhellen Welt erhob sich die Reihe erloschener Vulkane, auf deren einst so verderbenbringenden Gipfeln heute die Riesen des Waldes ihre grünen Arme ausstrecken, wo Palme an Palme den schlanken Stamm wiegt und Blätter und Blüten im Winde flüstern. Bis in die Wolken hinein, unerreichbar dem Blick, ragte der Krater Tafna, der Riesenwächter, der uralte ernste, der höchste Punkt auf viele Meilen ringsumher.
Schweifend, ziellos wanderte von Schönheit zu Schönheit der entzückte Blick. Rauschender Hochwald im ewigen Blau beginnend und allmählich sich senkend, stufenweise vom hellsten bis zum dunkelsten Grün schattiert in tropischer wechselnder Fülle; darunter der Wasserfall und tiefer im Thal das Städtchen von fester Kaimauer umzogen, mit friedlichem Hafen, mit Kirchen und hohen ragenden Bauten, versteckt im Laubgrün, geschmückt mit bunten Wimpeln wie mit großen, leuchtenden, weithin sichtbaren Blumen im Kranze. Allen voran wehte von hoher Stange an einem weißen Hause unweit des Hafens die hamburgische Flagge — rotweiß in heller Pracht glänzten die heimatlichen Farben den Augen der Näherkommenden entgegen; jetzt wurden am Kai auch Menschen sichtbar, der Kapitän begrüßte mit drei Kanonenschüssen die Kolonie seines Chefs, und von einem anderen im Hafen liegenden Dampfer schallte Antwort zurück. Auch das war ein Gottfriedsches Schiff, dessen Steuermann die „Hammonia“ erkannte und zur Bewillkommnung derselben ein Boot ausschickte.
Deutsche Worte schallten herauf; hier und da feierten zwei Matrosen ein Wiedersehen; am Strande hatten sich auf die erste Nachricht vom Eintreffen des Naturforscherschiffes auch schon mehrere Angestellte des Gottfriedschen Hauses eingefunden, und bald sahen sich die Weltumsegler von Bekannten umringt, hörten die jungen Leute Worte des Erstaunens wie: „Ist das Hans? Unmöglich! Nur seine Augen sind’s, der blasse Junge ist ja ein brauner Jüngling geworden!“ — oder: „Herr Franz, darf man noch du sagen? Sie sind wahrhaftig dem Herrn Papa über den Kopf gewachsen!“
„Und das ist der Hova mit dem unmöglichen Namen!“ rief ein dritter, dem verlegenen Malagaschen kräftig die Hand schüttelnd. „Willkommen, junger Herr, Sie werden finden, daß man in Hamburg bestens für Ihre Zukunft gesorgt hat. Bleiben Sie bei uns oder gehen Sie mit nach Europa?“
So schwirrte es durch einander, und während dessen waren die Reisenden ausgeschifft und ans Land gestiegen. Die Packhäuser, welche sich hier stattlich und gedehnt den Blicken zeigten, bildeten gleich einen Teil des Gottfriedschen Eigentums, und eine Menge von farbigen Arbeitern ließ den Umfang des Geschäftsbetriebes erkennen. In helle, leichte Stoffe gekleidet, Strohhüte auf den Köpfen und mit dem Wesen zivilisierter Menschen gingen hier mehr als hundert Polynesier aus und ein, Fässer und Ballen rollend, Wagen abladend oder an Neubauten arbeitend, kurz alles verriet das fröhliche Wachsen der Kultur, den Aufschwung, welchen die Verhältnisse der Insel, sämtlichen anderen voran, dauernd nahmen.
Man konnte glauben, sich in einer kleinen deutschen Stadt zu befinden. Überall Läden, hübsche Wohnhäuser, gut erhaltene Straßen und Fuhrwerke, nette Gasthöfe und größte Sauberkeit der Bewohner. Die jungen Leute bezogen Zimmer in dem großen Verwaltungsgebäude ihres Vaters und wurden von den Familien seiner Angestellten natürlich wie liebe Freunde aufgenommen. Einer derselben hatte sich vor Jahr und Tag eine junge Hamburgerin nach Opolu heimgeholt, und in eben dieser liebenswürdigen Wirtin erkannten die Gottfrieds eine ehemalige Schulgenossin von der Fibelzeit her; man feierte mit deutschem Wein und deutschem Händedruck das Wiedersehen, dem dann eine tüchtige, nach Hamburger Art bereitete Mahlzeit folgte; die Gäste kamen gar nicht zu sich, da doch auch so viele Briefe gelesen werden mußten, da hier und da ein deutscher Landsmann einsprach, um die Weitgewanderten, Langerwarteten zu begrüßen; kurz, der Tag hätte doppelt so lang sein können und wäre doch für alle diese verschiedenen angenehmen und erfreuenden Eindrücke noch nicht lang genug gewesen.
Erst am folgenden Morgen gewannen unsere Freunde Zeit, ein wenig Umschau zu halten. Sie hatten in einem mit allen Bequemlichkeiten des verfeinerten Daseins ausgestatteten Zimmer geschlafen, hatten Kaffee und frisches Brot gefrühstückt, auch die heutige Nummer des „Samoan-Reporter“ dazu erhalten, mit einem Wort, sie fühlten sich, wie Franz lachend behauptete, unterwegs zur fast eingebüßten Ordnung zivilisierter Menschen; sie wollten sogar nach jahrelanger Entsagung heute, als an einem Sonntag, die Kirche besuchen und standen am Fenster, um den Strom der Vorübergehenden zu beobachten.