„An Bord haben wir noch verschiedene Büchsen mit Opodeldok und Nervensalbe,“ meinte der Doktor; „damals in Hamburg nahm ich’s für alle Fälle mit, und jetzt kann es diesem alten Herrn wenigstens als Linderungsmittel dienen. Tauscht nur in Gottes Namen ein, was ihr wollt, morgen schicke ich einen Boten mit ein paar Worten an den Kapitän nach Pangopango, wo dann die Kleinigkeiten verabfolgt werden.“

[S. 436.]

Beim Häuptling von Tutuila.
„Die Wohnung des alten Königs lag patriarchalisch-feierlich im Schatten hoher Bäume ...“

Das übersetzte der als Dolmetscher mitgenommene Eingeborne dem alten Häuptling, welcher indessen von solcher Verzögerung nichts wissen wollte. „Einer seiner Sklaven könne gleich hinlaufen,“ antwortete er, weshalb denn der Doktor ein Blatt aus der Brieftasche riß und unter andächtigem Staunen aller die Bitte an den Kapitän niederschrieb. Der junge Bursche erfaßte das Blatt mit den fremden, zauberhaften Strichen so zaghaft, als sei es heißes Eisen, dann aber, nachdem er für etwaiges Verlieren oder Versäumen auf kürzeste Weise mit dem Tode bedroht worden war, machte er sich schleunigst davon, indes nun der Häuptling, wahrscheinlich um den Zauber wirksam zu erhalten, seinen Gästen schenkte, was sie eben zu besitzen wünschten, eine Tapa aus Perlmutter, Federn und Pflanzenfasern, in der er früher als junger Mann den Mekitanz mitgemacht, und die, wie eine Art von faltigem Mantel, am Hals beginnend, über Brust und Rücken herabfiel, während die Arme frei blieben und der Kopf hindurchgesteckt wurde, — einen hölzernen, schöngeschnitzten Schläger, eine Rolle Bast des Papiermaulbeerbaumes, ein Steinbeil mit Holzgriff aus uralter Zeit, ehe noch das Eisen von Europa und Amerika eingeführt worden, und ein eben so altes, vom Vater auf den Sohn vererbtes Tättowierinstrument, von dem freilich Seine Majestät berichtete, daß es aus Menschenknochen hergestellt sei. Scharfe, kammartige Spitzen waren an einem Schildpattgriff befestigt und das Ganze sehr alt, es hatte vielleicht Jahrhunderte lang gedient, um die Zeichen der Häuptlingswürde den zuckenden Gliedern einzuprägen, jetzt aber war seine Laufbahn beschlossen. „Die Häuptlinge lassen sich nicht mehr tättowieren,“ setzte Le-Le hinzu, „sie sind fast alle Christen, — ich bin es auch.“

Unsere Freunde hüteten sich, daran zu zweifeln. Der gute, jeden Augenblick vor Schmerz blinzelnde alte Mann war zwar durchaus ein Wilder, aber dennoch mochte das Christentum viel dazu beigetragen haben, auf seinem Gebiet so geordnete wirtschaftliche Zustände ins Leben zu rufen.

Der Kamm aus den Knochen geschlachteter und von früheren Generationen ohne Zweifel verzehrter Menschen wurde als Andenken vergangener, hier für immer besiegter Greuel dankbar entgegengenommen, ebenso die Spenden, welche jetzt Li-Ho, die Königin, denen ihres Gemahls hinzufügte, ein Stirnband ihrer Mädchentage aus aufgereihten, geschliffenen Rosamuscheln, „Pale“ genannt, nur den Töchtern und Frauen der Häuptlinge gestattet, — die dazu gehörigen Armringe und die „Fau“, ein Gewand aus den Blättern des Papiermaulbeerbaumes, das um den mittleren Teil des Körpers bei hohen Festlichkeiten getragen wird, ebenso lange, über Brust und Rücken herabhängende, mit vielen Perlmutterstückchen verzierte Schnüre aus Menschenhaaren.

Das alte Paar hatte keine Kinder, es sah also seine Heiligtümer recht gern in solche Hände übergehen, die wenigstens den empfangenen Wert zu schätzen wußten; erst spät, nachdem nochmals bei der Beleuchtung langsam brennender, halbdürrer Blätter (die auf den Samoainseln als Lampen dienen) der wunderliche Mekitanz, ein wahrer Höllenreigen halbbekleideter und nicht selten vom Kawagenuß mehr als halbberauschter Gestalten, vollführt worden war, spät am Abend unter Sternenschein und dem sanften Wehen des Nachtwindes kehrten die Fremden durch den Palmenwald zu ihrer Hütte zurück. Auf diesen glücklichen Inseln, wo man arbeitete, um zu essen, wo die Natur reichlich spendete, was eine geringe Bevölkerung verbrauchte, wo weder wilde menschliche Leidenschaften noch gefährliche Raubtiere den Frieden störten, auf den schönen, von mildester Luft durchhauchten Inseln mußte es sich leben wie einst im Paradiese; selbst die Angehörigen des Kulturstaates rasteten hier beglückende acht Tage, indem sie das Eiland nach allen Richtungen durchforschten und von den friedliebenden Einwohnern alle möglichen Gebrauchsgegenstände gegen Eisenwaren und bares Geld erhandelten, — Holzgeräte, Perlenschnüre, Waffen, die ungeheuerlichen Beratungsmasken, hölzerne Kopfkissen, Farben und geschnitzte Formen, mittels derer das Grün und Rot den Stoffen aufgedruckt wird. Für den Häuptling kamen von Pangopango nicht allein die versprochenen Medikamente, sondern Franz ließ auch die Zimmerleute, mit Gerät und ein paar großen Glasscheiben ausgerüstet, vom Kapitän erbitten, worauf dann die Hütte Le-Les das wirksamste Mittel gegen Rheumatismus, nämlich dichtschließende Wände, Thüren und Fenster erhielt. Letztere beide Gegenstände waren den Dorfbewohnern durchaus fremd, sie gingen fortwährend an der königlichen Behausung vorüber, um das Wunder der Fensterscheiben anzustaunen, während Le-Le seinerseits nicht müde wurde, von außen und innen das Glas zu betasten und sich selbst zu fragen, ob es denn wirklich möglich sei, daß man einen festen, harten Gegenstand vor sich habe und doch hindurchschauen könne, als sei dieser nur leere Luft.

Die geschenkten Wolldecken, die Medikamente und die erhöhte Wärme in der jetzt überall wohlverwahrten Bambushütte bewirkten so angenehme Veränderung, daß der alte Häuptling den Abschied von seinen weißen Wohlthätern wie einen wahren Verlust empfand. Mehrere Knechte mußten ihnen die schönsten, erlesensten Früchte, die seltensten Vögel und Pflanzen bis Pangopango nachtragen, und so verließen sie eines Tages, von wohlwollenden Wünschen begleitet, das kleine paradiesische Eiland, um dafür die Insel Sawaii, die hochgelegene, einem breiten Felsrücken gleichende, unzugängliche größte Insel der Samoagruppe, aufzusuchen. Auch Tutuila hatte Berg an Berg; auch hier befanden sich thätige und erloschene Vulkane; lag doch der kleine Hafen Pangopango zwischen 250 Meter hohen Felswänden; dazwischen aber befanden sich reizende, fruchtbare Thäler mit üppig tropischer Vegetation, während auf Sawaii neben vorhandenem Wassermangel der entschieden schroffe Gebirgscharakter mehr hervortrat.

Es ist bekannt, daß um die Insel Sawaii herum ein Korallenriff ohne Unterbrechung fortläuft und daß Schiffe keinen Hafen finden. Unsere Freunde besuchten mittels des Bootes die Ostküste, wo alles von braunen, nackten Klippen und Geröllen starrte. Über ihnen erhoben sich die ungeheuren Kuppen der Gebirge, unter ihnen dröhnte der hohle, von vulkanischen Erschütterungen gehobene und zerrissene Boden; stellenweise grünte kein Halm und sang kein Vogel, die ganze Umgebung war mit Blöcken von Lava und Gestein überdeckt. An anderen Punkten ragte dichter, ununterbrochener Hochwald, in dem sich wie auf Tutuila die Palmen am meisten vertreten fanden.