Man beschloß daher, Lewuka anzulaufen und hier die Geretteten den zuständigen Behörden unter Mitteilung aller Einzelheiten ihrer Auffindung zu überliefern; das paßte auch Holm und den jungen Leuten gut, da sie bei der schleunigen Flucht aus dem Walde auf jede Ausbeute für ihre wissenschaftlichen Zwecke hatten verzichten müssen. Als das Schiff nach wenigen Tagen den sicheren, hübschen Hafen erreicht hatte, als auf derselben Insel, die in ihrem entlegenen, bergigen Innern noch Kannibalen beherbergte, jetzt eine elegante Stadt mit schönen Gebäuden und glänzenden Läden sich zeigte, da begriffen sie kaum, wie auf verhältnismäßig so engem Raume solche Gegensätze nebeneinander bestehen konnten. Hier ließ sich ein Ausflug in die nächste Umgebung ohne alle Gefahr wagen, nur ein paar Eingeborne wurden mitgenommen, um als Lastträger zu dienen.
Wie schön war die Landschaft ringsumher! Wie belebt von großen Schmetterlingen, von Riesenspinnen, Skolopendren und Käfern, von Tauben, Drosseln und Kakadus. Auf einer grünen Ebene sahen unsere Freunde sogar Termitenbauten, die Holm als bewohnt erkannte. Diesen Fund wollte er sich natürlich nicht entgehen lassen. Es wurde Halt gemacht und man bearbeitete mit kurzen Beilen die Hügel so lange, bis der innerste Mittelpunkt derselben, die Wohnung der Königin, den Blicken bloßgelegt war. Ein Geschöpf, so seltsam wie kein anderes, kam zum Vorschein, das Termitenweibchen mit dem zum unförmlichen Sack verlängerten Hinterkörper der Tausende von Eiern barg und wenigstens viermal so groß erschien als das Tier selbst. Nachdem unsere Freunde diesen Fang in Sicherheit gebracht, verließen sie das Termitendorf, um nicht mit den Bewohnern desselben in Konflikt zu geraten. Noch wurden große Fruchttauben, schwarze Glanzstare und viele andere Tiere erlegt, auch eine grün und rot gefleckte große Wanzenart.
Fünfzehntes Kapitel.
Nach mehrtägigem Aufenthalt, nach beglückendem Stillleben inmitten der abenteuerreichen Reise wurde die Fahrt nach den Samoa- oder Schifferinseln fortgesetzt, zunächst nach Tutuila, einem schönen Garten gewissermaßen, wo die Eingebornen, nackte, hellfarbige Polynesier, in regelrecht gebauten Dörfern lebten und sowohl Landwirtschaft als Viehzucht betrieben, obgleich ihnen Schafe, Ziegen, Hunde und Schweine erst aus den Kulturländern zugeführt worden waren. In den dichten Palmenhainen standen unter grünem Blätterdach die hübschen, runden Hütten, neben denen Ställe aus Bambus, Vorratsschuppen und wohlgepflegte Gärten das Auge angenehm berührten. Wo sich offene Stellen zeigten, da waren Yams, Taro, süße Kartoffeln oder Gemüse und Gewürze angebaut, während in den Wäldern die aus Steinen errichteten Feuerstellen durch ihre reichliche Asche verrieten, daß unablässig Palmöl gekocht wurde. Alle diese gutmütigen Menschen schienen große Freunde von Tieren, namentlich Geflügel, das in ganzen Massen jeden Hausstand belebte. Scharen stolzer Hühner, Pfauen, Tauben und Fasanen bewohnten den Hof, Papageien, zahm wie bei uns, hingen in Holzkäfigen, und allerlei Singvögel schmetterten lustig vom Dach herab.
Obgleich die Eingebornen meistens nur mit dem Gürtel einhergingen, so gab es doch für sie auch einen Staatsanzug, der bei festlichen Gelegenheiten übergeworfen wurde, und der bei den Männern aus einem Gewand von den Blättern der Drauma, bei den Frauen aus einem Mantel von weißem Faserwerk bestand. Eines Morgens erschienen sie sämtlich in diesem Kostüme; durch die Dorfstraße ging ein Mann mit einem großen, hohlen Holzklotz, auf dessen Boden er mit zwei Stöcken taktmäßig schlug und dadurch die Reisegefährten auf etwas Außergewöhnliches vorbereitete.
Sie wohnten hier für die Tage ihres Besuches mitten unter den Eingebornen, schliefen auf Matten aus feinem Flaum, aßen die bescheidenen Gerichte außer dem auch hier beliebten Palolo und sammelten ebensowohl die verschiedenen Arten vulkanischen Gesteins als der einzelnen kleineren Pflanzenformen und Insekten, — jetzt aber war alles das vergessen. Schleunigst folgten sie dem Trommler zu einer mäßigen Anhöhe vor dem Dorfe, wo bereits der Häuptling mit seinem Hofnarren Platz genommen hatte, und wo sich junge Mädchen und Burschen mit dem beliebten Ballspiel unterhielten.
Aller Köpfe schmückten granatrote und weiße Blüten; die Männer hatten sich durch an Brust und Rücken befestigte Palmenzweige auf das wunderlichste herausgeputzt; Frauen und Kinder trugen die langen, zottigen Mäntel, in denen sie wie vermummt erschienen. Die possierlichste Figur bildete der Hofnarr, den bunte Federn, Steine, Blumen, ausgeschnittene Stücke Perlmutter, aufgereihte Muscheln und die greulichsten Malereien in einen menschlichen Teufel verwandelten. Er verbarg sein Gesicht hinter einer ungeheuren, gelb und rot bemalten Maske mit ellenlangem Flachshaar, er tutete auf einem hölzernen, gewundenen Instrument und vollführte die seltsamsten Sprünge, wobei sich sein überall angestrichener Körper wie der eines Verrückten drehte und wendete.
Dieser Narr war keineswegs ein Priester oder Zauberer, sondern lediglich für die Unterhaltung des Königs bestimmt; er durfte alles thun, was ihm eben einfiel, selbst den alten Monarchen necken oder am Ohr zupfen, die Kinder in Schrecken setzen und den Ort, wo des Häuptlings Hütte stand, nach Belieben betreten. Für alle übrigen war die unter hohen, alten Brotbäumen belegene Stelle unzugänglich; es lag auf ihr das „Tabu“ oder die Heiligsprechung, welche fast allen Südseeinseln, einschließlich sogar des großen Neuseeland, eigentümlich ist. Die Wohnungen der Priester und Häuptlinge, die Tempel und zuweilen ganze Orte sind tabu, d. h. der gemeine Haufe darf sie nicht betreten, er wird durch dies Gesetz von jedem Mitbesitz, jedem Recht ausgeschlossen. Wie viel Mißbrauch daraus entsteht, ist begreiflich, weil eben jeder Gegenstand, den die Mächtigen, Reichen für sich zu behalten wünschen, bis herab auf einen besonders schönen Fruchtbaum, eine Hütte oder ein Tier, einfach für tabu erklärt und dadurch der Berührung entzogen wird.
Die Wohnung des alten Königs lag patriarchalisch-friedlich im Schatten hoher Bäume, während rings anstatt jeder Einfriedigung kreuzweis gebundene Palmenzweige die geheiligte Grenze bekundeten. Beide Majestäten, der Häuptling Le-Le und seine Gemahlin Li-Ho saßen auf kostbaren, von weißen und bunten Federn zusammengesetzten Matten mit untergeschlagenen Beinen und ziemlich gleichgültigen Gesichtern, die sich selbst bei den Kapriolen ihres Narren nur sehr selten zum Lächeln verzogen. Als sich die weißen Gäste dem Herrscherpaare unter Überreichung verschiedener, sehr anständiger Geschenke vorstellten, da geschah etwas für die Einwohner des Dorfes nie Dagewesenes; König Le-Le hob den Fremden zu Ehren das Tabu seines Hauses auf und lud alle ein, sich neben ihn zu setzen und mit ihm aus einer Schüssel zu speisen. Letztere Vergünstigung hatte allerdings wenig Lockendes, denn das Gefäß bestand aus einem Holznapf und der Inhalt aus gerösteter Yamswurzel, wobei mittels spitzer Holzstückchen gegessen wurde, während sich die Teilnehmer des Schmauses um die auf dem blanken Fußboden stehende Schüssel gruppierten; dennoch aber erwiesen sich unsere Freunde äußerst höflich, so daß nach und nach der alte Le-Le ganz vertraulich wurde und vor allem die Weißen bat, ihm doch gegen seine quälenden rheumatischen Schmerzen ein Zaubermittel zu schenken, er wolle dafür auch alles, was ihnen etwa erwünscht sei, sogleich zur Verfügung stellen.
Während draußen die Jugend den Mekitanz aufführte, Ball spielte, Taubenschießen hielt und endlich das Fest des Tättowierens beging (die Weißen kannten es von Australien her), kramte der alte Häuptling unter seinen Sachen und förderte Schätze zu Tage, die sowohl Holm als auch die jüngeren Besucher förmlich entzückten.