„Aber wie wolltest du es denn einrichten, mein Lieber?“
„Wir binden die Kähne wie einen Rattenkönig zusammen,“ versetzte der junge Mann. „In unser eigenes Boot steigen sodann sechs Mann mit geladenen Gewehren, die das ganze kleine Geschwader an Land bringen, wenigstens bis an das äußere Riff. Die Wilden werden unter der unmittelbaren Gefahr der Bleikugeln keinen Angriff wagen.“
Doktor Bolten stimmte ihm bei. „Hans hat recht,“ entschied er. „Gerade die menschlichen Bestien, welche im Begriff waren, ihrem Nächsten das Leben zu stehlen, gerade diese müssen sehen, daß wir die Besitzrechte anderer respektieren.“
Der Malagasche schüttelte den Kopf. „Diesen Kahn und die Ruder und sämtliche Waffen behalte ich!“ sagte er keck. „Sie sollen in das Museum in Hamburg.“
Der Kapitän lachte. „Nun gut,“ warf er ein, „so wollen wir die Sache ausgleichen. Durch das große Boot von der „Eintracht“ haben wir ein solches zu viel an Bord, das mag mit einigen anderen Geschenken den Wilden in Tausch gegeben werden, nicht wahr? Sie besitzen dann ein Erinnerungszeichen an den Tag des verunglückten Menschenopfers.“
„Und wir haben einen höchst interessanten Doppelkahn von Viti-Levu nebst Wurfwaffen aus Holz mit Menschenknochen!“ rief der junge Gelehrte, jetzt erst die erbeuteten Spieße genauer betrachtend. „Ich kenne sie freilich schon aus verschiedenen Sammlungen, aber diese hier sind ganz besonders schön.“
Er zeigte den übrigen die langen, aus steinhartem Holz gefertigten, braun gebeizten und in schauerlicher Weise verzierten Speere. Nach oben rund und kolbenartig zulaufend, hatten mehrere ein strahlenförmig befestigtes Bündel von Knochensplittern, deren mittlere fußlang und die äußeren von Reihe zu Reihe etwas kürzer waren, während andere platt und länglich an beiden Seiten eingelassene Zähne zeigten: alles schwere Waffen, die den einmal Getroffenen unfehlbar töten mußten.
Der Dampfer war unterdes herangekommen, die Reisenden gingen an Bord und ließen nur so viele Matrosen, als zur Befestigung der Kähne notwendig waren, einstweilen unten. Im Boot der „Hammonia“ brachten dann zehn Bewaffnete, die Kugelbüchsen beständig im Anschlag, sämtliche Fahrzeuge mit Einschluß des vertauschten an Land, ohne daß die Wilden irgend eine Feindseligkeit gewagt hätten. Als ihre Kähne von den Weißen verlassen waren, fielen sie wie ein Bienenschwarm darüber her; das fremde Fahrzeug schien sogleich ein Gegenstand erbitterten Streites zu werden, ja, ehe noch der Dampfer die hohe See gewonnen hatte, rauften sie sich schon untereinander auf das lebhafteste.
Jetzt erst, nachdem die Gefahr vorüber und völlige Sicherheit zurückgekehrt war, kam es zwischen den Geretteten und ihren Rettern zu Mitteilungen. Rua-Roa blieb der Held des Tages, obgleich ihm Holm lächelnd riet, den zivilisierten Menschen wieder anzuziehen; er erzählte, daß im Dorf die Weiber und Kinder ihn für einen bösen Geist gehalten haben müßten, da sie bei seinem Erscheinen mit dem Gesicht auf den Fußboden gefallen und vor Schreck liegen geblieben seien, jetzt aber schien er sich doch seines früheren Rausches einigermaßen ungern zu erinnern und schlüpfte eilends in die Kajütte, um Toilette zu machen.
Der Kapitän der „Eintracht“ berichtete, daß er von Bremen nach Lewuka, der Hauptstadt von Viti-Levu, bestimmt gewesen und daß er mit seinen Leuten die brennende Bark habe verlassen müssen, um nur das nackte Leben zu retten. Vom Erd- oder besser gesagt vom Seebeben hatte er nichts bemerkt, sondern nur von dem heftigen Gewitter, dessen erster Schlag den Großmast zersplitterte und das ganze Schiff in Brand setzte; er erzählte, daß ihn und die Seinen jene räuberischen Wilden nach einer unter allen Qualen des Durstes im Walde vollbrachten Nacht am heutigen Morgen aufgegriffen und zum Opfer bestimmt hätten, daß man ihnen keinerlei Nahrung gereicht und sie gänzlich ausgeplündert. Trauringe, Taschenmesser, Portemonnaies, Schlüssel, Taschenbücher, ja sogar die Papiere des verbrannten Schiffes, alles war in den Händen der Fidschianer geblieben.