Jetzt mußte gehandelt werden, die Weißen sahen es alle. Ohne Kommando fielen auf der ganzen Linie die Büchsenschüsse, während zugleich drinnen der befreite Kapitän im Fluge die Fesseln seiner Leute durchschnitt und so die Zahl der Kämpfenden um sechzehn Männer vergrößerte. Auch der zum Kolanfest bestimmt Gewesene wurde mit Kleidern und Waffen versehen; die nach allen Seiten flüchtenden, ratlosen, unbewaffneten Wilden erhielten noch eine zweite Salve, die gleich der ersten nur in ihre Beine traf, ohne sie zu töten; dann aber benutzten unsere Freunde den Augenblick panischen Schreckens, um so schnell als möglich zu fliehen. Ein Papageienruf klang ihnen vom Dorf her nach, laut und spöttisch, nah und näher, bis endlich der Malagasche aus dem Gebüsch hervorbrach mit blutenden Armen und Schultern, aber mit triumphierenden Blicken, über dem Kopf eine Anzahl Wurfspieße schwenkend, die er vom Tempel herabgerissen, ganz Wilder, ganz der Sohn des Urwaldes. „Ich habe den Tempel in Brand gesteckt,“ rief er, „und das Gewehr liegen lassen, um die Aufmerksamkeit der Menschenfresser einstweilen abzulenken. Hier hinunter, hier, — in fünf Minuten können wir das Riff erreichen, während uns jene auf der anderen Seite suchen.“
Er stürmte voran und die übrigen drängten nach, nicht ohne von einzelnen Fidschianern verfolgt zu werden, die aber durch ein paar Kugeln sehr bald allen Mut zu weiteren Feindseligkeiten verloren und hinkend und blutend zum Dorfe zurückkehrten. Es konnte indessen nicht zweifelhaft sein, daß sogleich, nachdem die erste Verwirrung besiegt, auch der ganze Stamm den Flüchtigen nachsetzen würde; die größte Eile war daher geboten.
„Wir sind nicht weit vom Ufer entfernt,“ rief der Malagasche. „Ich stieg auf einen Baum und sah dabei ziemlich nahe die See durch das Gebüsch schimmern. Rasch, rasch, dann erreichen wir das Korallenriff, ehe uns die Kerle mit ihren langen Schleppen einzuholen vermögen.“
Die ganze Schar folgte der angedeuteten Richtung; schon nach kaum hundert Schritten blitzte im Sonnengold hinter dem Riff der Ozean auf; eine weite freie Bucht dehnte sich bis tief in das Land hinein, an Pflöcken und Baumstämmen lagen hoch heraufgezogen die schönen, schlanken Doppelkähne der Fidschianer.
„Hurra!“ rief Franz, „Hurra, die Ausbeute ist größer, die That ruhmvoller, als man denken sollte! — Wir nehmen die Boote der Wilden und drehen ihnen vom Wasser her eine Nase.“
Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall; über Hals und Kopf wurden die Taue gekappt, jeder Mann bestieg eins der schlanken Fahrzeuge, und die übriggebliebenen nahm man, um das Nachsetzen erfolgreich zu verhindern, ins Schlepptau. Es war aber auch die höchste Zeit. Kaum trieb die seltsame Flotte in der Entfernung von etwa fünfzig Schritten auf hoher See, als aus dem Walde die ganze Masse der Kannibalen hervorbrach und mit einem Gebrüll, das nichts Menschliches hatte, ihre Opfer sich entgangen sah. Zugleich sollten auch die Kähne verloren sein; das raubte den Fidschianern alle Überlegung, einige stürzten sich blindlings, heulend vor Wut, ins Meer, um die Flüchtigen zu verfolgen, andere tanzten buchstäblich wie die Verrückten am Ufer auf und ab; alle aber schrieen, daß es klang, als sei eine Herde von Teufeln losgelassen.
Der alte Steuermann bemühte sich voll Ingrimm, mittels des Ruders den Doppelkahn zu lenken; der nebenher schwimmende Klotz ärgerte ihn über alle Maßen, und als jetzt einer der Fidschianer seinem Fahrzeug ziemlich nahe kam, da legte er erbost die Kugelbüchse auf ihn an. „Warte, du Satan, mit dem Schrecken sollst du davon kommen; aber für deine Art, Kähne zu zimmern, will ich dir doch einen Denkzettel geben.“
Er zielte und schoß den Turban vom Kopf des Wilden, der vor Schreck tauchte und erst nach einer Minute in ziemlicher Entfernung wieder zum Vorschein kam. Die Weißen begrüßten mit lautem Hurra den allgemeinen Rückzug des farbigen Rachekorps um so mehr, als jetzt auch der Dampfer in Sicht kam und zum Zeichen des Erkennens einen langhallenden Kanonenschuß über das Meer dahinsandte. Die Antwort wurde mittels hochgeschwungener Taschentücher und Hüte gegeben, nur Rua-Roa konnte nichts dergleichen schwenken, weil er bei seiner Pfadfinderexpedition alles von sich geworfen hatte und ganz als Wilder den Doppelkahn regierte. Die Matrosen fischten indessen glücklich den Turban des Fidschianers und überreichten ihm diesen, der nun tröpfelnd vom Kopf bis zur Kniebeuge herabhing; es war eine Szene ausgelassener, nach dem überstandenen Schrecken um desto lebhafter hervortretender Heiterkeit, die gerade durch den ohnmächtigen Zorn der Eingebornen ihre höchste Würze erhielt. Während diese in großen Sprüngen am Ufer den Weg der Boote begleiteten, und während das Schiff in langsamer Majestät den heimkehrenden Reisegenossen entgegenkam, berieten die Führer, was mit den Booten der Wilden zu machen sei.
„Wir überlassen sie ihrem Schicksal,“ meinte Holm.
Hans protestierte. „Das dürfen wir nicht, Karl. Auch Kannibaleneigentum ist heilig.“