Holm lachte. „Der Wilde steckt ihm doch noch tief im Blut,“ raunte er. „Ich wette, unser Freund verlebt, nachdem er mit Rock und Stiefeln die aufgedrängte Kultur abgeworfen, einen wahrhaft beglückenden Tag.“

Auch die übrigen lächelten, indes sie geräuschlos ihre Schlachtlinie ordneten. Franz hatte sich so aufgestellt, daß er, ohne selbst gesehen zu werden, den Anführer der Gefangenen fixieren konnte. Sein Blick haftete auf der Stirn des bleichen, düster dreinschauenden Mannes, bis sich dieser, magnetisch gezogen vielleicht, halb umdrehte und in solcher Weise plötzlich dicht vor sich den jungen Europäer gewahrte. Eben so schnell aber hatte auch Franz den Finger auf die Lippen gelegt, eben so schnell hatte der Gefangene begriffen, daß ein einziger Laut genügen werde, um alles zu verderben. Er regte kein Glied, sondern sah mit dem gewohnten Ausdruck abweisenden Ernstes vor sich hin, dabei aber immer den unerwartet erschienenen Fremdling im Auge behaltend und jede seiner Bewegungen beobachtend.

Die Fidschianer lagen ahnungslos rauchend um das Feuer herum. Sie konnten sich ja nicht träumen lassen, daß in ihren nie von Weißen betretenen Wäldern der Feind nur das Signal zum Kampfe erwartete, daß die nächsten Minuten ein furchtbares Blutbad bringen sollten. Gerade diese vollständige Ruhe sicherte den Weißen den Sieg.

Franz hatte sein Messer aus der Tasche gezogen und es dem Gefangenen gezeigt. Jetzt bückte er sich, um es durch das Moos den gefesselten Händen näher zu bringen. Ein Stöckchen schob nach, eine schlauberechnete Wendung des Körpers deckte das Unternehmen, und der Schnitt durch die scharfgedrehten Binsenstricke war glücklich vollbracht. Franz sah an der Reihe seiner Genossen hinab, sie lagen alle im Anschlag, — atemlos vor Aufregung horchte er den verabredeten Zeichen.

Da trat einer der mit Turban und vielfachen Zieraten geschmückten Priester aus der Mitte der übrigen hervor und näherte sich den Gefangenen, deren einen er ohne Umstände an den Haaren ergriff und gebunden, wie der Unglückliche war, nach sich schleifte. Franz fühlte, wie ihm das Blut in allen Adern kochte; nur mit äußerster Anstrengung bezwang er sich, nicht sogleich den kecken Übelthäter zu Boden zu strecken, doppelt angestrengt aber lauschte er dem Signal, das Rua-Roa zu geben versprochen hatte. So viele Papageien krächzten von den Bäumen herab, — wie würde es möglich sein, gerade den einen erkünstelten Schrei aus der Menge natürlicher herauszuhören?

Die Priester hatten mittlerweile ihr Opfer seiner sämtlichen Kleider beraubt und schritten nun zur Vollstreckung eines Greuels, wie es nicht grausamer und fürchterlicher gedacht werden kann, wie es aber im Innern der Fidschiinseln dennoch bis auf den heutigen Tag, nicht allein Schiffbrüchigen und Kriegsgefangenen, sondern auch den eigenen Stammesgenossen gegenüber Sitte ist. Jeder Häuptling bekommt als Mahlzeit einen in sitzender Stellung gebratenen Menschen; der Gottheit aber wird vorher ein Gefangener geopfert, dem man Arme und Beine vom lebendigen Körper geschnitten, und den man gezwungen, Stücke seines eigenen Fleisches zu verschlucken. Hierfür war der aus der Reihe der übrigen hervorgesuchte Matrose, ein blutjunger Mensch, ausersehen, und die Priester holten steinerne Messer sowohl als eine irdene Pfanne herbei, um die entsetzliche Verstümmelung auszuführen, während sich der unglückliche junge Mensch aus Leibeskräften gegen die Fäuste seiner Angreifer sträubte und nicht unterließ, sie mit den ehrenrührigsten Titeln zu überhäufen.

Franz sah von einem zum andern. Schon schwebte das Messer des Zauberers über dem rechten Arm des jungen Matrosen, schon schrie dieser vor Entsetzen laut auf, — was sollte er thun, um das Fürchterliche abzuwenden?

Da erklang der Ruf des Malagaschen. Franz hört sofort den bezeichnenden, warnenden Klang, ein- — zwei- — dreimal, und zugleich mit dem letzten fiel der verabredete Schuß. In den Kopf getroffen stürzte der Priester, dessen Mordwaffe schon gehoben gewesen, um ein abscheuliches Verbrechen zu begehen.

Tiefe Totenstille folgte dem Schrei des Getroffenen, der ersten Bewegung jähen Erschreckens, das alle Wilden ergriffen hatte. Was war das? Woher kam es?

Aber nur Sekunden währte die allgemeine Erstarrung, dann wandten sich einige Häuptlinge, die Feuerwaffe erkennend, mit furchtbarem Wutgeschrei jener Richtung zu, aus der Rua-Roa geschossen. Sie zogen die übrigen nach sich, der ganze Haufe stürzte gegen die Hütten vorwärts, auch die jungen Mädchen flüchteten schreiend, kurz, es war eine Szene furchtbarster Aufregung und des wildesten Durcheinanders.