Da erschien mit jähem Schwung der Häuptling wieder an der Oberfläche; etwas weiter hin rauschte das Wasser, als hebe ein Erdbeben die blauen beweglichen Fluten mit zwingender Gewalt hoch empor; auch der zweite Samoaner sprang in sein Boot, aber beide muskulöse Arme hielten dabei die Schlinge, er zog etwas Schweres nach sich, er arbeitete aus allen Kräften — —
„Der Hai! Der Hai!“
Zehn andere Fahrzeuge ruderten hinzu, ärger und ärger wurde unter dem Wasser das verzweifelte Ringen, zwanzig, fünfzig nackte Arme zogen und zogen, Frauen und Kinder jubelten laut, langsam näherten sich die Fahrzeuge dem Strande und als die tollkühnen Männer heraussprangen, da konnten sie den wehrlosen, überwältigten Gegner im Verein mit allem, was Hände hatte, an den armdicken Seilen aus Kokosfasern aufs Trockene ziehen.
Ein stattlicher Kerl mit wahrhaft furchtbaren Zähnen und weitgeöffnetem, schauderhaften Rachen, wohl der aufgewendeten Mühe wert. Aber jetzt wurde er auch gespalten, zerschnitten und zerhackt, daß bald die Küste einem blutbedeckten Schlachtfelde glich, Frauen und Männer schleppten eifrig ihre Beute in Körben und Töpfen davon, während das beste am ganzen Tier, das sogenannte „Beefsteak“ gleich an Ort und Stelle gebraten und mit den Früchten des Urubaumes als Festmahl verzehrt wurde.
Die Samoaner, gastfrei wie vielleicht kein anderes Volk, liebenswürdig und zuvorkommend, boten den Weißen sowohl die besten Bissen als auch die besten Plätze und so speisten denn unsre jungen Freunde zum erstenmale die zwischen zwei heißen Steinen gebackenen, in Scheiben zerschnittenen Früchte des Urubaumes, welche dem besten Weißbrot an Wohlgeschmack nichts nachgeben.
Überall fanden sich indessen bei den Eingebornen sowohl Messer, Gabeln und Löffel, als auch saubere Blechteller, sie waren keine Wilden mehr, diese hübschen, hellfarbigen Ozeanier, freilich noch Naturkinder im verwegensten Sinne des Wortes, aber doch gesittet und anständig. Auf den Häuptling, der in das Wasser gesprungen war, um einen Haifisch am Kopf zu packen, deutete der Begleiter der Reisenden ganz besonders. „Es ist einer unsrer tüchtigsten Aufseher, beliebt bei seinen Landsleuten und bei uns. Wir schicken gerade diesen Mann hinüber nach den Kingsmillinseln, wenn es gilt, Arbeiter zu werben. Furchtlos wie ein Löwe, geht er dort in die Wälder und hält förmliche Predigten, natürlich spricht er auf seine Weise auch deutsch, d. h. ohne unser R, von welchem die polynesische Mundart nichts weiß.“
„Johannes!“ rief er gleichzeitig dem herkulischen Manne zu: „Sag einmal: Preußen!“
Der Samoaner lächelte: „Polusia!“ antwortete er.
Unter den Kindern entstand ein Flüstern. Sie waren jedenfalls in der Kultur schon weit genug vorgeschritten, um den Begriff eines Trinkgeldes zu kennen, denn verschiedene der Kecksten drängten sich vor und erzählten, daß sie auch was könnten, Lesen, Beten, Schreiben und allerlei nützliche Dinge. „Ich weiß, wie dein Häuptling heißt“, sagte ein zierliches, kleines Mädchen von acht Jahren: „Kaisa o Simiani!“
Franz amüsierte sich köstlich. „Simiani?“ wiederholte er zweifelnd.