„Germany!“ erläuterte der Buchhalter. „Komm einmal her, kleines Ding, zeige, daß du lesen kannst!“

Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und hielt es dem Kinde vor das Gesicht. Ganz wie ein deutsches Schulmädchen von gleichem Alter las die kleine Samoanerin den Satz, welchen ihr seine Finger bezeichneten. Daß dabei Kleidchen und Haar noch um die Wette trieften, kam weiter nicht in Betracht; Wasser und Luft und Wind, alles ist auf jenen glücklichen Inseln warm und schmeichelnd, — man genießt ohne Furcht vor der Zukunft, man ist gesund und daher froh.

Alles Geld aus den Taschen der Reisenden wanderte in die Hände der Kinder, welche den Fremden treuherzig das Geleite gaben. Franz war sehr still geworden, unterwegs winkte er seinem Bruder. „Du, Hans, mir kam vorhin ein Gedanke, über den ich mit dem Vetter doch noch sprechen möchte! — Wenn Deutschland auch in die Wälder von Ceylon seine Boten senden würde, wenn wir, ja, Hans, wir, mit dem Häuptling Tippoo eine Handelsverbindung anknüpfen könnten, die das Licht der Zivilisation zu den baumbewohnenden Singhalesen trüge und allgemach ihrem Schlangenkultus, ihren heiligen Feigenbäumen und den Skorpionen im Dache gründlich den Garaus machen müßte, — wie schön wäre das!“

„Und die Veddas ohne Kleider und Wohnungen, die armen vertierten Veddas könnten dann die Stelle der Kingsmillinsulaner einnehmen, könnten auch allmählich aus bloßen, lebenden Wesen wirkliche Menschen werden.“

„Nicht wahr? — Du, Hans, es ist doch schön, ein großer Kaufmann zu sein, ein Apostel der Kultur und Gesittung. Was hat unser Vater hier alles erschaffen! und für alle, alle Zeit, jedem Wechsel gegenüber!“

Sie drückten sich stumm die Hände und als später am Abend die ausgesuchte Gesellschaft von Apia sich in den großen Räumen der Gottfriedschen Faktorei gastlich zusammenfand, da konnten diese beiden, aus Hamburg als Knaben fortgegangenen jungen Leute die Honneurs ihres Hauses mit stolzer Freude machen. Daß das deutsche Element auf den Samoainseln so entschieden vorherrscht, daß deutsche Biederkeit und Treue aus den wilden, von Krankheit und beständigen Bruderkriegen zerrissnen Völkerschaften zufriedene, arbeitende Menschen erschuf, — ihr Vater hatte das alles ins Leben gerufen.

Franzosen, Engländer und Amerikaner fanden sich in den Sälen vereint, aber weitaus die meisten Gäste waren Deutsche, denen auch die Insel ihre Schulen, ihren Arzt und eine segensreich wirkende Krankenkasse verdankte. Der erste Toast galt wie immer dem erlauchten Kaiserlichen Hause, der zweite dem Vaterlande, dem teuren, geliebten.

Als die Sterne hell vom Himmel strahlten, entwickelte sich draußen unter den Fenstern im Mondschein ein reges Durcheinander. Die Arbeiter der Gottfriedschen Faktoreien, unter Führung des Häuptlings, den der Buchhalter Johannes nannte, vollführten zum Vergnügen der Fremden einen ihrer Nationaltänze, wie sie trotz Arbeit und Gesittung bei den harmlosen Naturkindern immer noch sehr beliebt sind. Es mochten etwa sechs Anführer beisammen sein, jeder begleitet von zwei Narren, die dort als unerläßliches Gefolge des vornehmen Häuptlings gelten. Diese beiden jungen Männer trugen Anzüge von allen erdenklichen Farben, bald mit Federn, bald mit Stroh, Fasern und Zahnreihen geschmückt, in den Händen hielten sie Stöcke, die Gesichter waren unter schauderhaften, grob angestrichenen Masken versteckt, sie gebärdeten sich absichtlich wie Tollhäusler. Was irgend einer der Tänzer unternahm, das suchten sie zu vereiteln; was er ausführte, das ahmten sie in possenhafter Weise nach, am meisten die Musik, welche lediglich aus einem ohrenzerreißenden Trommeln bestand. Ein zwei Meter langer Block war ausgehöhlt, darauf wurde sonder Takt oder auch nur Übereinstimmung der Musiker mit derben Stöcken geschlagen, erst langsam, während sich die Tänzer langsam drehten, dann toller und immer toller, bis die ganze Menge raste, daß der Schweiß von allen Stirnen troff.

Nach diesem Tanze kam das Kriegsspiel, bei dem unsere Reisenden eine Waffe kennen lernten, die ihnen vorher unter keiner wilden Völkerschaft begegnet war, Handschuhe nämlich, grobe, plumpe Fausthandschuhe aus Kokosfasern mit einer inwendig befestigten Doppelreihe von Haifischzähnen.

Die beiden scheinbar feindlichen Parteien stellten sich einander gegenüber, während auch hier die seltsame Trommel mit Einzelschlägen das ganze Spiel begleitete und nun that jeder Mann ohne Verabredung das, was ihm als das Beleidigendste, als die ärgste Herausforderung erschien, zum Teil Dinge, wie wir sie nur bei kleinen Kindern zu bemerken gewohnt sind. Natürlich schrieen und kreischten alle ohne Ausnahme, dann aber warfen sich einige zu Boden, um wie die Katzen oder Füchse aus dem Hinterhalt den Feind zu beschleichen, andre streckten die Zungen hervor, ballten die Fäuste, schüttelten die schweren, geschnitzten Keulen oder schlugen geradeswegs Purzelbäume, während sich ihre Häuptlinge nur durch Worte herausforderten, ohne der Würde des höheren Standes das Geringste zu vergeben.