Nach Schluß dieser lärmenden Feierlichkeit folgte ein Schmaus, der indessen auf keine Weise in ein Trinkgelage ausartete.
„Und in Wirklichkeit kommt solcher Kampf, solche Herausforderung niemals vor?“ fragte Franz.
„Auf den Samoainseln wenigstens nicht. Es gibt hier in den fernen Gebirgsthälern allerdings noch einige hundert Eingeborne, die weder arbeiten noch zum Christentum bekehrt sind, aber diese bilden eine so kleine, in sich uneinige Gruppe, daß sie keinen Einfluß mehr besitzen. Europäische Waffen und europäisches Hausgerät findet sich auch bei ihnen.“
„Aber sie haben noch ihre eignen Gesetze und betreiben nach wie vor Götzendienst.“
„Dann wollen wir sie jedenfalls aufsuchen!“
Das war ohnehin beschlossene Sache und nach etwa vierzehn Tagen vollkommensten Ausruhens machte sich die kleine Karawane wieder auf den Weg, um auch die letzte Entdeckungsfahrt dieser Reise würdig zu beenden.
Meilenweit ins Innere hinein erstreckten sich freilich zunächst die Arbeitshöfe der Faktoreien, in denen Kokoskerne zerschnitten, getrocknet und dann als Kopra auf Wagen geladen und zum Ufer befördert wurden, um erst in Deutschland ihrer Verwandlung zu Palmöl, Schmiere und jenem wertvollen Viehfutter aus den Überresten entgegenzugehen. Tausend und abertausend Nüsse lagen in den weiten Räumen aufgestapelt, die eingebornen Arbeiter sangen und lachten, Scharen von Frauen sammelten die kostbaren Fasern und banden dieselbe in feste Packen, oder flochten gleich an Ort und Stelle Matten, Treppenläufer, Fußdecken, Körbe und Taue, die für den Handel nach Europa bestimmt waren, während selbst Kinder und Greise noch Gelegenheit fanden, sich in irgend einer Weise nützlich zu machen und immerhin einige Pfennige zu verdienen, die dann angeschrieben und bei dem Austausch der Arbeitslöhne gegen die Erzeugnisse deutscher Industrie verrechnet wurden.
Aus diesem heiteren, fast ganz unter dem blauen Himmelszelt sich entwickelnden Fabriktreiben führte der Weg in die eigentlichen Wälder, wo sich Plantage an Plantage aus dem Gewirre der tausendfältig wildwachsenden Farne, Orchideen und Bananen erhob. Immer eine junge Kokospalme und eine Baumwollenstaude standen friedlich bei einander, damit, wie der eingeborne Führer erklärte, die letztere so lange Ertrag gebe, bis erstere Frucht trägt, was erst nach sechs Jahren geschieht; dann stirbt die Baumwolle ab. Unabsehbar dehnten sich in jedem Alter der Anpflanzung die jungen Stämme, es folgten aber neben dieser Hauptsache auch Felder mit Kaffee, Vanille und sogar Thee, bis zuletzt die ursprüngliche Wildnis wieder aus jedem Fußbreit der Umgebung hervorsah.
Zwanzig Meter hoch über dem Boden trugen die Luftwurzeln der Bananen den schlanken Stamm mit seinen Riesenbündeln grüner und gelber Schotenfrüchte, die äußerlich unseren großen Bohnen nicht so ganz unähnlich erschienen, Melonen und Ananas wuchsen überall, Blumen sahen hervor aus jeder Spalte, zwischen allen Blättern, von allen Ästen; in den Bäumen gurrten die großen, prachtvollen Tauben, namentlich weiße mit violettem Kopf und roter Brust, ebenso kleinere Singvögel aller Arten und hier und dort sogar ein Papagei. — Das schönste der ganzen Landschaft aber blieben unstreitig die vielen, teils bedeutenden, teils zierlichen Wasserfälle, welche von den Felsen herab auf das verwitterte vulkanische Gestein stürzten, hier donnernd und brausend, dort in sanftem Plätschern, überall wie flüssiges, im Sonnenschein diamantengeschmücktes Silber glänzend und schillernd. Hier in diesem Teil der Insel lebten die wenigen Hunderte noch unzivilisierter Eingeborner, ein freundlicher, gastfreier und ehrlicher Menschenschlag, dem jedoch die Arbeit noch gleichbedeutend schien mit einem Schimpf.
Einzeln lagen die kleinen Dörfer im Schoß der Urwälder, sicher vor feindlichem Überfall durch die Achtung gebietende Nähe der Deutschen, reich selbst inmitten äußerer Armut, durch die Fülle der Gaben, welche gerade hier der Himmel in beständig fließenden Strömen seinen Erdenkindern geschenkt hat. Um die friedlichen, von allen Seiten offenen Hütten standen uralte Brotfruchtbäume, deren dreie einen Menschen während des ganzen Jahres zu ernähren vermögen, Kokosnüsse hingen auch hier von den Zweigen, der Papiermaulbeerbaum bot in seiner Rinde die Tapa, das faltige, luftige Gewand des Südseeinsulaners, die Riesenblätter der Palmen das Dach seines Hauses, der Bambus Stäbe, Geräte und tausend Kleinigkeiten des täglichen Bedarfes.