Das größte Boot wurde nun ausgesetzt und bemannt, unsere Jäger nahmen Platz und fort ging es in den schmalen Flußarm, mitten in das Herz der grünen Wildnis hinein. Die Ruderer mußten natürlich oft mit den Rudern gegen das Schilf stoßen, mußten die Mangrovenfasern zurückschlagen oder durch natürliche Laubgänge fahren, sie hielten zuweilen auf Holms Bitte gänzlich an und entdeckten auch selbst an manchen Stellen Neues und Schönes, das erst besehen wurde. Hier ein Dorf oder eine Kolonie der kleinen fleißigen Webervögel, die ihre Nester aus Halmen glockenförmig und enggedrängt neben einander unter die Baumzweige hängen, dort Nashornvögel in der ganzen Pracht ihrer Farben und etwas weiter hin Herden gefleckter scheuer Antilopen. Wohin das Auge traf, begegnete ihm Schönheit, lockte der Zauber des Waldes zum Ausruhen, zum Genießen, — nur die gewünschten Flußpferde zeigten sich nicht.
Plötzlich — horch! unter den Mangroven zur Linken regte sich’s. Das Wasser kräuselte, die Zweige rauschten, und einige kleine Vögel flogen erschreckt davon, dann wurde wieder alles still. Die Reisenden sahen einander an. „Was war das?“
„Vorsichtig!“ ermahnte Doktor Bolten. „Jede Art gefährlicher Raubtiere lebt hier herum.“
„Aber in das Boot hinein kann keines kommen. Ich will einmal nachsehen, was sich da bewegte!“
Und Franz fuhr mit dem Ruder in die Gebüsche hinein. Ein Pistolenschuß, den Holm abfeuerte, begleitete diese energische Nachforschung, aber der Erfolg war anders, als man es erwartete. Ein Schrei aus Menschenkehlen durchzitterte die Luft, ein schwarzes Gesicht, bis an den Mund im Schilf verborgen, sah mit dem Ausdruck der Todesangst zu den Weißen hinüber, während gleichzeitig ein Boot mit etwa zehn Negern an dem der Europäer vorbei das Weite zu gewinnen suchte. Kaum sahen aber die Schwarzen den in bedeutender Entfernung quer vor dem Flußarm liegenden Dampfer, als sie mutlos die Ruder sinken ließen und sich hockend im Kahn zusammendrängten. Die Feuerwaffen schienen ihnen den entsetzlichsten Schreck eingeflößt zu haben.
Erst jetzt entdeckte man, daß der im Schilf stehende Schwarze mittels eines Riemens aus Wurzelfasern am Boot befestigt war. Zwischen seinem Körper und dem Fahrzeug befand sich eine Schnur von etwa sechs Meter Länge.
Die Weißen sahen einander an. Was mochte das zu bedeuten haben? — „Versteht keiner unter Ihnen die Sprache dieser Leute?“ fragte Doktor Bolten die Matrosen.
„Ein paar Worte kann ich schon,“ meinte einer, „aber viel ist es nicht. Wir müssen die Mohrenkerle zutraulich machen.“
Er nahm aus dem Vorratskasten eine Branntweinflasche und trank etwas von dem Inhalt derselben, dann reichte er sie den Schwarzen hinüber. „Prosit, ihr Affengesichter! Nun laß dir’s wohlschmecken, altes Haus.“
Der Mund des Negers verzog sich von einem Ohr zum anderen. Ein Schnalzen mit der Zunge, ein Schlagen beider Hände auf die Kniee bewies nur allzu deutlich, daß er das Feuerwasser der Weißen nicht erst in dieser Stunde kennen lernte. Die Flasche nehmen und sie an die Lippen setzen war eins.