„Essen denn diese Menschen das Raubtier?“ fragten erstaunt die Knaben.

„O, das essen auch wohl noch andere,“ meinte der Alte. „Ich habe manchen Hai mit eingefangen und verzehrt, namentlich bei langen Reisen, wo das Trinkwasser faul und das Fleisch knapp wurde. Da nimmt es der hungrige Magen nicht so genau.“

„Aber wenn nun der Hai vielleicht am Tage zuvor einen Menschen gefressen hatte,“ rief voll Entsetzen Franz.

„Das mag häufig genug vorgekommen sein, mein Junge. Früher gab es aber auf Schiffen kein Fleisch in luftdichten Blechdosen, wie jetzt, kein eingemachtes Gemüse und keinen Apparat, um das Salzwasser genießbar zu machen, — die Naturwissenschaften haben in den letzten fünfzehn Jahren das Los der Seeleute zu einem vollständig anderen, besseren umgeschaffen.“

„Und wir sind Naturforscher!“ rief Hans.

Alles lachte. Der Abend war so schön und die Gemüter so angeregt, daß man an diesem Tage später als sonst die enge, heiße Koje aufsuchte. Früh morgens brachte ein Boot die beiden Knaben mit Holm und ihrem Erzieher sowie einer Anzahl Matrosen von der „Hammonia“ an Bord des kleinen Bugsierdampfers „Hansa“, der vor Lagos liegt und die größeren Schiffe über die den Eingang sperrende Barre hinüberschleppt. Des Sonntags wegen war er von den hamburgischen Reedern, denen er gehörte, den jungen Söhnen ihrer Vaterstadt gern zur Verfügung gestellt worden, und so dampfte man denn nach kurzer Küstenfahrt lustig in den stark bewegten Strom hinein. Wahre Riesenstämme erhoben sich zur Rechten und Linken. Mangrovengebüsche drängten sich zuweilen bis weit in das Fahrwasser vor und ein vielgestaltiges Tierleben begann die Ufer zu schmücken.

„Zuerst beseht euch die Mangroven,“ ermahnte Holm. „Sie werden nur in den Tropen getroffen und sind immer grün; gerade diese Baumgattung ist es, die an der afrikanischen Küste das Landen so sehr erschwert. Jeder Busch bildet für sich ein kleines Wäldchen.“

„Wie langes Haar hängt es von den Zweigen herab!“ rief Franz.

„Das sind die Wurzelfasern. Jede einzelne treibt, sobald sie den Schlamm berührt, neue Schößlinge und wächst, selbst noch zum Mutterstamme gehörig, wieder als faserbildender Busch empor. Dadurch entstehen die gefährlichen tropischen Sümpfe, welche, weder Land noch Wasser, pestartige Dünste aushauchen und den wilden Tieren als Aufenthalt dienen. Unter und zwischen den engverbundenen Stämmen bilden sich ganze Moräste sowohl als auch Grasflächen.“

Immer dichter und üppiger wurde das Gewirre. Schlanke Stechpalmen ragten daraus hervor, himmelhohe Farne wiegten sich im Wind, und ungezählte Blumen durchflochten das Ganze. Auf den Wipfeln der Bäume nisteten zu ganzen Scharen Fischaare und Eisvögel, im Gras unter denselben lagen Wasserböcke, Rohrböcke und Buschböcke. Andere wilde Tiere zeigten sich nicht, nur einmal ein Leopard, der aber schleunigst das Weite suchte. Der Strom wurde zuletzt immer schmäler und mündete in einen See, von welchem mehrere Arme in verschiedene Richtungen ausliefen. Einen davon bezeichnete der Kapitän des Dampfers als den Hauptaufenthalt der vielen in dieser Gegend lebenden Flußpferde. „Sie stecken im Schilf,“ sagte er, „und betreten am Tage nur selten das Ufer. Man hört sie wie Ochsen brüllen und sieht sie das Wasser aufblasen, aber ganz nahe kommt man ihnen fast nie.“