„Allerdings,“ bestätigte Holm, „denn diese Geschöpfe sind außerordentlich klein. So z. B. besteht der Polierschiefer bei Bilin in Böhmen aus lauter abgestorbenen Diatomeen, deren unverwesliche Schalen feste Kieselsäure sind. Um einen Raum von einem Kubikmillimeter einzunehmen, müssen ihrer fünfzig Millionen zusammen sein.“

„Dann hat ein Fisch viel zu thun, um Jagd auf sie zu machen,“ bemerkte Hans lachend.

„Wenn er jede einzelne Diatomee fangen sollte, würde er sich schwerlich bei Kräften erhalten,“ erwiderte Holm lächelnd, „aber da dieselben meistens in dichten Kolonieen bei einander leben und auch an den Seepflanzen haften, die von manchen Fischen gefressen werden, so hat die Natur es ihm ermöglicht, sich bequem von diesen Geschöpfen nähren zu können. Die ungeheure Anzahl der Einzelwesen ersetzt die Größe und ebenso verhält es sich mit ihrer Vermehrung. Während das Elefantenweib alle drei Jahre nur ein Junges zur Welt bringt, hat eine Diatomee, wenn keine Störungen eintreten, in vierzig Stunden schon eine Nachkommenschaft von einer halben Million Urenkeln.“

„Wenn die Elefanten und Walfische ihnen dies Kunststück nachmachten,“ warf Franz ein, „dann wäre in einem Jahr kein Platz mehr auf der Erde für andere Geschöpfe. Die Elefanten würden uns ins Wasser drängen und die Walfische aufs Land. Es ist doch gut, daß in der Natur nicht alle Geschöpfe mit gleichen Eigenschaften begabt sind.“

„Indem wir die Gesetzmäßigkeit in der Natur erkennen,“ sagte Doktor Bolten, „sehen wir, daß ein weiser Schöpfer über uns und aller Kreatur wacht. Je tiefer der Menschengeist in die Natur eindringt, um so mehr erkennt er das Walten einer höheren Macht. Ob wir die Bahnen der Himmelskörper, der fernen Welten im weiten Himmelsraum verfolgen, ob wir die Diatomee im Wassertropfen in ihrer zierlichen Kleinheit bewundern, oder ob die Majestät der tropischen Urwälder uns mit geheimen Schauern erfüllt, überall fühlen wir die Größe des Schöpfers.“ —

Man wünschte sich gute Nacht, nachdem Holm den Knaben versprochen hatte, sobald die Gelegenheit sich darbieten werde, ihnen neue Wunder mit dem Mikroskop zu erschließen.

Während der Schlaf die Forscher zu neuer Thätigkeit stärkte, setzte das Schiff unverändert seinen Kurs fort, der Steuermann am Rade wachte für sie, bald nach den Sternen, bald nach dem Kompaß blickend, und so glich das auf dem Ozean dahingleitende Schiff der Erde selbst, die ihre Bahnen zieht, wie sie ihr ein höherer Lenker vorschreibt.

Drittes Kapitel.

Lagos und der Golf von Benin lagen hinter der „Hammonia“, die Nigermündung war in Sicht. In dieses sumpfige, fast unbekannte Land, dessen Fieberklima bei längerem Aufenthalt für den Weißen tödlich ist und selbst von den eingebornen Negern kaum vertragen wird, sollte ein Vorstoß gemacht werden. Man wußte, daß das Land von einer Menge kleiner Stämme bewohnt wird, die zu den wildesten, niedrigst entwickelten der Neger gehören. Bei einigen geht sogar noch die Menschenfresserei im Schwange. Ein portugiesisches Handelsfahrzeug, welches Tauschverkehr mit diesen scheuen, wenig zugänglichen Stämmen trieb, fand man an der Sumpfküste vor Anker. Von seinen Matrosen wurden einige, welche bereits ins Innere gekommen und der Landessprache einigermaßen kundig waren, als Führer angeworben und mit ihrer Hilfe einige zwanzig Küstenneger als Träger und Leibwache gemietet.

Zunächst der Küste saß der Stamm der Bonny, oder wie sie sich selbst nannten, der Bonnyleute. Sie befanden sich augenblicklich wieder einmal in einem jener kleinen, niemals aufhörenden blutigen Kriege mit dem Stamme der Benin. Wie ein Fluch hängen diese Raub- und Mordfehden über dem schwarzen Erdteile, ein Stamm mordet den andern, die schwarze Rasse zerfleischt sich unter einander, teils aus Blutrache, aus Haß oder aus Gewinnsucht, der Besitztümer oder der Sklaven wegen.