Er ließ die Knaben durch das obere Glas, das sogenannte Okular, hindurchsehen, und sie nahmen eine runde, hellerleuchtete Fläche, das Sehfeld des Mikroskopes wahr. Holm zeigte den Knaben nun, wie je nach der Stellung des Spiegels das Sehfeld heller oder matter beleuchtet erschien, und übte ihr Auge und ihre Hand dadurch, daß er ihnen die Aufgabe stellte, diejenige Stellung des Spiegels ausfindig zu machen, bei der das Sehfeld den hellsten Anblick gewährte. Hierauf nahm er eine kleine, längliche Glasplatte, auf die er mittels eines zu einer Spitze ausgezogenen Glasrohres einen Tropfen Wasser brachte. Diese Platte bezeichnete er als den Objektträger, weil auf derselben die zu untersuchenden Gegenstände — die Objekte — ausgebreitet werden. „Sind Tiere in diesem Wassertropfen, die wir beobachten können?“ fragte Hans.
„Nein,“ erwiderte Holm. „Das Wasser, welches ich hier habe, ist durchaus frei von allen Verunreinigungen. Wir werden jetzt eine winzig kleine Menge jenes gelbgrünen Schlammes in das Wasser bringen, die ihr mich zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten an den Ufern der Flüsse, der Wassertümpel und Sümpfe entnehmen saht, die wir passierten.“ Bei diesen Worten entfaltete er eine Anzahl von Papierpaketen, in denen sich ein dunkelfarbiger Staub befand. Dieser Staub war der angetrocknete Schlamm, den Holm auf seine eigene Hand gesammelt hatte. Mittels einer Stricknadel, die an einem Ende platt geschmiedet war, so daß sie einem kleinen Spaten mit langem Stiel glich, mischte Holm von dem Staub in den Wassertropfen und bedeckte diesen dann mit einem Glase, das so groß war wie eine Briefmarke und nicht dicker als festes Schreibpapier. Dies Glas nannte er das Deckgläschen. Dieses sogenannte Präparat legte er auf den Tisch des Mikroskopes und blickte durch das Okular, indem er mit der Schraube scharf einstellte, dann ließ er Franz hinein sehen.
Franz brach in einen lauten Freudenruf aus, nachdem er eine Zeitlang in das Mikroskop geblickt hatte, und das, was er sah, war auch wohl geeignet, ihn zu entzücken.
Das Sehfeld des Mikroskopes war mit Hunderten von ganz merkwürdigen Gebilden wie übersät. Einige derselben glichen kleinen Schiffchen, andere Tellerchen, die auf das reizendste mit Punkten und regelmäßigen Linien verziert waren. „Ist das der Staub?“ fragte Franz.
„Derselbe Staub, der dem unbewaffneten Auge harmlos erscheint,“ entgegnete Holm, „stellt sich unter dem Mikroskope bei starker Vergrößerung in einem Reichtum der Formen dar, wie er größer kaum gedacht werden kann. Diese kleinen Geschöpfe sind halb Tier halb Pflanze, sie bewegen sich willkürlich schwimmend im Wasser und enthalten doch den grünen Farbstoff, der den Pflanzen eigen ist. Sie bestehen aus zwei zierlichen Schalen, die genau aufeinander passen, und wenn sie sich vermehren, so teilen sie sich in zwei Hälften, von denen jede ein neues Wesen derselben Art bildet. Aus diesem Grunde hat man sie Spaltalgen oder auch Diatomeen genannt, nach einem griechischen Beiworte, das auf deutsch „zerteilt“ bedeutet. Über zweitausend Arten dieser Diatomeen sind schon ermittelt, aber es sollte mich nicht überraschen, wenn wir neben den bekannten Arten einige noch nicht benannte und beschriebene fänden.“
Die Proben wurden eine nach der anderen sorgfältig durchgemustert, und nicht lange währte es, als Holm eine der seltensten Arten entdeckte. Es war eine runde Scheibe mit verziertem Rande, in deren Mitte sich eine Figur erkennen ließ, die einem Kirchenfenster glich. „Das ist der Campylodiscus ecclesianus,“ erklärte Holm, „eine ihm sehr nahestehende Diatomee besitzt an derselben Stelle vier Fensterchen und wird deshalb Campylodiscus fenestratus genannt, wir wollen genau nachsehen, ob wir sie finden können.“
Nun hieß es sorgfältig beobachten, und erst nach einer halben Stunde gelang es, ein Exemplar derselben zu bemerken. „Hier ist ein fenestratus,“ rief Hans, der gerade an der Reihe war. Holm bestätigte die Wahrnehmung und bemerkte mit dem Bleistift auf dem Papier, aus welchem der zur Untersuchung genommene Staub sich befand, den Namen der Diatomee. Da es bereits dunkelte und die Augen von dem angestrengten Sehen ermüdet waren, packte Holm das Mikroskop wieder ein und versprach den Knaben, ihnen am nächsten Tage lebende Diatomeen zu zeigen.
„Woher werden wir die nehmen, da wir doch auf offener See sind?“ fragte Franz.
„Wir fischen ein treibendes Stückchen Seegras auf,“ sagte Holm, „und werden an demselben herrliche Formen finden. Fast überall, wo Feuchtigkeit ist, kommen Diatomeen vor, sowohl im süßen Wasser wie im Meere. Wenn wir einen Fisch fangen, so wollen wir seinen Mageninhalt untersuchen; namentlich sind die Schellfische große Liebhaber von Diatomeen, und ihr Magen ist in dieser Beziehung ein wahres Museum für den Forscher.“
„Da wird er viele Diatomeen zu sich nehmen müssen, ehe er satt wird,“ meinte Franz lachend.