In den nächstfolgenden Tagen schrieb man Briefe nach Hause, die erste Sendung an Reiseberichten und Jagdbeute wurde dem Postdampfer übergeben, und eines schönen Morgens lichtete das Naturforscherschiff die Anker, um an der Küste den Weg bis nach Sierra Leone zu verfolgen. Dort sollte ein Segelschiff von der Firma Gottfried das Palmöl in Empfang nehmen, und der Dampfer selbst mit den jungen Reisenden die Inseln im Busen von Guinea besuchen. Die Fahrt dauerte nicht lange, aber sie brachte manche schöne und reiche Erinnerung, namentlich den Anblick einer Wasserhose, die bei starkem Gewitter dicht neben dem Schiff stand und einen unvergleichlichen Anblick gewährte. Eine schwarze Wolke, spitz zulaufend, senkte sich tiefer und tiefer auf das Wasser, dieses selbst schien sich genau unter derselben immer mehr zu heben, kräuselte weißschäumend und griff endlich ganz urplötzlich wie mit Fangarmen hinauf. Eine hohe, gedrehte Wassersäule stand auf der Meeresfläche und begann dann unheimlich schnell zu wandern. Das gleiche Ereignis wiederholte sich noch zweimal, dreimal in nächster Nähe, so daß gleichsam die dichte, schwarze Wolke eine Brücke bildete, deren Riesenpfeiler wie Diamanten erglänzten. Hohe, gewölbte Bogen trennten die einzelnen Säulen, dazwischen schäumten schwarze, tosende Wellen, und glitten in ununterbrochener Reihenfolge die blendenden Blitze über das Ganze hinweg. Es war wie im Feenpalast des Märchens, wenn so ein grüngoldener, von Purpur und Violett angehauchter Schein die weißen Schaumkronen überflutete, wenn sich plötzliche Helle auf das tiefe Schwarz legte und es dann in um so dichterer Finsternis zurückließ.
Nach einer Viertelstunde begannen die Pfeiler zu schwanken, sich schief zu stellen und endlich den Halt zu verlieren. Ein Rauschen und Klatschen, das den Donner übertönte, begleitete den Sturz, und das ganze schöne Schauspiel endete mit einem Platzregen.
Am dritten Tage nach der Abreise war der Nashornvogel tot. Holm nahm ein scharfes Messer und machte an der Bauchseite des Vogels einen Einschnitt, der jedoch nur die Haut auftrennte. Dann begann er vorsichtig die Haut des Vogels abzuziehen, und nach einer kleinen Viertelstunde hatte er den Balg von dem Körper getrennt. An dem Kopfende saß der große ungestalte Schnabel und an den Beinen waren die Füße geblieben. Damit der Balg so unverletzt als möglich erhalten wurde, ließ Holm sich bei dieser Operation genügende Zeit, denn die mit Federn besetzte Haut der Vögel ist ziemlich zart und zerreißt bei ungeduldigem Ziehen gar leicht.
„Nun werden wir den Balg ausstopfen,“ meinte Franz.
„Das hat Zeit, bis wir wieder in Hamburg sind,“ entgegnete Holm. „Gesetzt den Fall, wir würden diesen Nashornvogel auf das schönste ausstopfen, wer verbürgt uns, daß er unversehrt ankommt? Außerdem erfordert das Ausstopfen viele Zeit, die wir hier besser anzuwenden haben, als daß wir sie an eine Arbeit verschwenden, die in der Heimat besser und bequemer besorgt wird als hier. Alles was wir thun können ist, den Vogelbalg zu trocknen und wie die übrigen Naturalien vor dem Appetit der Herren Insekten schützen.“
Holm holte bei diesen Worten ein Gefäß aus der Reiseapotheke, das eine salbenartige Masse enthielt, mit welcher er die innere Seite des Vogelbalgs bestrich. „Ist diese Salbe auch ein Gift gegen die Insekten?“ fragte Hans.
„Eins der stärksten Gifte, das wir kennen,“ antwortete Holm. „Diese Masse besteht aus einer Mischung von Arsenik und grüner Seife. Die Seife verhindert mit ihren schmierigen Eigenschaften das Umherstäuben des weißen, pulverigen Arseniks und verhütet, daß der Präparator den Giftstaub einatmet. Gleichzeitig ist etwas Alaun zugesetzt, der die Eigenschaft hat, die Haut des Tieres in eine Art Leder zu verwandeln, wodurch bewirkt wird, daß die Federn festsitzen und nicht ausfallen.“ Als der Vogelbalg mit der sogenannten Arsenikseife gehörig eingerieben war, wurde er an einer Raa zum Trocknen in der Luft aufgehängt. Franz kletterte die Strickleiter hinauf, welche zum Maste führte, und war in wenigen Augenblicken auf der Raa, als wäre er ein echter Schiffsjunge. Als er die Haut des Vogels dort mit einem starken Bindfaden befestigt hatte, rief er laut Hurra und kam wieder herunter.
Befragt, warum er einen lauten Freudenruf ausgestoßen habe, antwortete er lachend: „Ich glaubte, wir hätten nun Ferien, denn der Vogel ist das letzte Stück von unserer Beute, das zu präparieren war.“
„Ein wirklicher Forscher kennt keine Ferien,“ sagte Holm. „Außerdem irrst du dich, wenn du meinst, es gebräche uns an Material zur Beobachtung. Jetzt, da wir auf dem Schiffe gewissermaßen Ruhe haben und nicht auf dem Kriegspfade mit Menschen und Tieren wandeln, haben wir hinreichende Muße, uns mit dem Leben der Kleinwelt zu beschäftigen, die uns das Mikroskop erschließt. Kommt laßt uns in die Kajütte gehen, es sind alle Apparate da, deren wir bedürfen.“
Sie gingen in die Kajütte hinab. Hier nahm Holm aus einem wohlverwahrten Kasten ein herrliches Mikroskop, das er derart auf den Tisch stellte, daß das Licht, welches durch das Kajüttenfenster fiel, von dem Spiegel des Mikroskopes aufgefangen werden konnte.