Wieder vergingen Minuten. Sollte man sich völlig getäuscht haben?
Aber nein. Unter den Schlingpflanzen, welche von Stamm zu Stamm lebende Wände flochten, zeigten sich plötzlich ein Paar funkelnde, mit rotem Schimmer leuchtende Augen, das gewaltige Brüllen drang erschütternd in die Herzen der Hörer, und endlich kam der königliche, mähnenumwogte Kopf zum Vorschein.
Mit einem einzigen elastischen Sprung erreichte der Löwe das Freie. Noch troff Blut von seinem Maul, die Mähne hatte sich gesträubt und der Schweif peitschte wütend den Erdboden. Etwa zehn Schritt vor dem Platze des jüngeren Knaben blieb er brüllend stehen.
Fünf oder sechs Schüsse krachten, auch Hans selbst gab Feuer, das gewaltige Tier blutete aus mehreren Wunden, noch einmal setzte es an zum Sprunge, flog zusammenbrechend, taumelnd, eine kurze Strecke weit vorwärts und stürzte dann dumpf brüllend auf den Boden. Die eine Vordertatze riß im Fall den Knaben mit sich, — Hans lag unter dem Schenkel des verendenden, im Todeskampfe zuckenden Löwen. Schon nach wenigen Augenblicken erhielt sein Gesicht eine bläuliche Farbe, die Hände griffen krampfhaft in das Gras, und ein Gurgeln wie das des Erstickens verriet die furchtbare Gefahr, in welcher er schwebte. An den Löwen heranzutreten und ihm sein Opfer zu entreißen, war unmöglich; wer es gewagt hätte, der würde das eigene Leben dahingegeben haben, ohne dem armen Hans nützen zu können. Holm besann sich daher nicht lange, er kniete unmittelbar neben dem bedrohten Knaben ins Gras, sprach in fliegender Eile diesem Mut zu und ermahnte ihn, keine Bewegung zu machen, dann schoß er über seines Zöglings Körper hinweg dem Untier die tötende Kugel in den Kopf. Der Löwe streckte sich, atmete noch ein paarmal und hatte aufgehört zu leben.
Jetzt konnten vereinte Kräfte den Halberstickten hervorziehen; man rieb und schüttelte ihn, gab ihm Branntwein zu trinken und spritzte ihm Wasser in das Gesicht, bis er endlich wieder ganz zum Bewußtsein gebracht war. Auf der Brust fanden sich vom Druck des Löwenschenkels blaue Flecke, die Glieder schmerzten und der Kopf war schwer wie Blei. „Wir müssen einen kleinen Halt machen,“ riet Holm, „Hans ist zu sehr angestrengt worden, und uns anderen thut es ebenfalls gut, namentlich nach der schmählichen Flucht vor den Affen.“
Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Die Führer warfen ihre Vorräte und Waffen ins Gras, ein Teil ging aus, um frisches Wasser zu suchen, ein anderer raffte trockenes Holz zusammen, und Franz und Doktor Bolten wanderten mit den Gewehren am Ufer hin, um womöglich irgend einen frischen Braten zu schießen; schon nach wenigen Minuten war es um die beiden Zurückgebliebenen still wie in einer Kirche.
Hans unter dem Löwen.
„Die eine Vordertatze riß im Fall den Knaben mit sich ...“
Helle, goldene Sonnenstrahlen umspielten Blätter und Blumen, buntfarbige Vögel schossen überall singend und pfeifend durch das Gewirre, Käfer und Schmetterlinge bevölkerten die Luft, zuweilen zeigte sich am Rand der Lichtung eine scheue, flüchtige Kudu-Antilope, ein Papagei ließ sein mißtönendes Kreischen hören, oder eine kleine, schillernde Schlange kroch durch das Gras; aller Streit aber, aller Krieg und Kampf schien aus der Natur verbannt. Die hohen Farne, bei uns nur Gräser, in den Tropen aber Bäume, bogen im Wind die federartigen, hellgrünen Wipfel; Stechpalmen strebten kerzengerade empor; Blätter wie grüne, faltenreiche Mäntel hingen in ungeheurer Breite von Rankengewächsen herab; spitze dunkle, säbelförmige Pfeile bohrten sich dazwischen, und Hunderte von weißen, roten und violetten Orchideen umzogen und verflochten wie ebenso viele grüne Arme das Ganze. Dazu murmelte das Wasser und rauschte der Wind, kurz es war eine wundervolle Stille, welche auf die jungen Leute beinahe einschläfernd wirkte. Mitten in der freien Lichtung lag der tote Löwe, dessen Körper bereits anfing verschiedenen Tiergattungen zum Schmause zu dienen. Namentlich ein großer, brauner Käfer erschien in starker Anzahl und ebenso, verlockt von der tiefen, mittäglichen Stille, eine Rattenart mit spitzem Zahn und raublustigem Blick.