„Den Eingang können wir nicht verschließen,“ meinte Holm, „daher muß einer von uns wachen, während der andere schläft. Lege dich hin, Hänschen, und sei völlig ohne Sorgen, hörst du?“

Der Knabe widersprach nicht. Er wußte nur allzu wohl, daß kein Schlummer seine Augen umhüllen werde, und daß es ihm daher möglich sei, in jeder Minute dem etwa bedrohten Freunde zu Hilfe zu eilen, — mochte es recht still bleiben, mochte die Unterhaltung gänzlich stocken, desto besser ließ sich den eigenen schlimmen Befürchtungen nachhängen.

Und so vergingen Stunden. Das geheimnisvolle Leben des Urwaldes regte sich und sprach und flüsterte mit tausend Stimmen. Es glitt über das Moos dahin, es lauschte durch die hohen Farn und flatterte in den Wipfeln. Zuweilen fielen reife Früchte herab, oder stürzte polternd unter den ungestümen Sprüngen einer Affenschar ein dürrer Ast auf den Boden; lautes Kreischen und Bellen bezeichnete den Weg, den die nächtlichen Plünderer genommen, hart vorüber an dem hohlen Baum wälzte sich der wilde Haufe, und durch die entstehende Stille klangen wieder die Stimmen derjenigen Geschöpfe, welche jählings aus ihrer Ruhe aufgescheucht worden waren. Da schien plötzlich der Boden selbst zu erdröhnen, wie dumpfes Rollen tönte es herüber, Zweige und Äste knackten, größere Körper bewegten sich vorwärts, offenbar dem Versteck der beiden entgegen. Holm versicherte sich seiner Kugelbüchse, — die Herannahenden konnten ja möglicherweise Bonny- oder gar Beninleute sein. —

Hinter ihm erhob sich geräuschlos die leichte Gestalt des Knaben. „Ich schlafe nicht, Karl! Was bedeutet das sonderbare Geräusch?“

Ein Schnaufen und Brüllen durchdrang die Luft, — Holm atmete auf. „Gottlob, wenigstens doch keine Menschen.“

Er stellte die Büchse neben sich. Die da herankamen, waren ohne Zweifel Elefanten, also in betracht des engen Zuganges ein unschädlicher Besuch; im Gegenteil konnte man sie so recht bequem aus der Nähe beobachten. Die ersten Riesengestalten wurden im Halbschatten unter den Stämmen bereits sichtbar; dunkel und gewaltig wälzten sie sich heran, in gerader Richtung dem Versteck entgegen, pfeilschnell jetzt, feindlich wie es schien, wenigstens zwölf an der Zahl. Als das erste Tier mit gesenktem Kopfe, rasch nach einander drei laute gellende Pfiffe ausstoßend, den Baum anrannte, da konnten sich beide jugendliche Bewohner desselben doch des unwillkürlichen Erschreckens nicht erwehren, obwohl freilich der erlittene starke Anprall den alten Boabab in keiner Weise erschüttert hatte. Nun erst erkannten Lehrer und Schüler den Feind ihrer nächtlichen Ruhe. — Die Herde bestand aus glatthäutigen schwarzen Rhinozerossen mit je zwei großen Hörnern, einer Tiergattung, die zu den bösartigsten unter allen gerechnet wird, wenigstens was Kampfbegier und Stärke anbetrifft. Die gellenden Pfiffe wiederholten sich, wütende Stöße trafen den Baum, so daß Splitter und Flechten nach allen Seiten flogen, dennoch aber war keine eigentliche Gefahr vorhanden, die Wände standen wie von Eisen. Holm trat zurück und legte an. Freilich konnte die Kugel das Tier nicht verwunden, aber doch vielleicht erschrecken.

Der Erfolg entlockte beiden Versteckten ein herzliches Gelächter. Sobald der Schuß krachte, fuhr das zunächst stehende Ungeheuer wie vom Blitz getroffen zurück, mitten in die Herde seiner Genossen hinein, alles sprengend, alles in Verwirrung setzend und dann mit lautem Gebrüll davon eilend. Hinter ihm her jagten die übrigen, als sei ihnen der böse Feind auf den Fersen.

Holm und der Knabe lachten, wie sie es seit geraumer Zeit nicht mehr gekonnt. „Unser Glück war es, daß wir den schwarzen Riesen nicht im offenen Walde begegneten,“ sagte endlich der junge Gelehrte, „sonst wäre es uns schlimm ergangen. Um diese Zeit wandern die Nashörner in ganzen Trupps auf bestimmten Wegen zur Tränke, am Tage dagegen liegen sie meistens unter dem Baum, dessen Zweige ihr Dach bilden, und lassen sich nur stören, wenn ihnen der Wind die Witterung eines Feindes — des Menschen — zuführt. Während sie weder scharf sehen noch hören, ist ihr Geruchssinn so ausgebildet, daß sie auf Hunderte von Metern das Herannahen eines Jägers mit Sicherheit erkennen. Sie stürzen sich ihm dann blindlings entgegen und fallen in die verdeckte Grube, welche zu diesem Zwecke vorher sorgfältig angelegt worden ist. Nur auf diese Weise läßt sich das gewaltige, bösartige Tier einfangen.“

„Die schwarzen Unholde hatten eine ganz glatte Haut,“ bemerkte Hans, „ihr Vetter im Hamburger Zoologischen Garten ist am Körper überall mit Falten bedeckt. Wie kommt das?“

„Letztere Art ist die indische,“ antwortete Holm. „Aber nun will ich schlafen, mein Junge. Wahrhaftig, — es muß sein, — in der nächsten Nacht werden wir ja wandern.“