„Das sind sie keinesfalls, überdies weht uns auch ein ziemlich starker Wind gerade entgegen, sie könnten unsere Annäherung daher durch kein Zeichen erkennen.“

Die Gewehre wurden nachgesehen und geladen, zur Stärkung ein Schluck Wein genommen, und dann ging es vorwärts; schon nach fünf Minuten zeigte sich ein schmaler, sonnenbeschienener Fluß, dessen Wellen leise murmelnd dahinglitten, und der sich zur Rechten in einen See zu verwandeln schien. Die Ufer mußten sehr flach sein, denn Wasservögel aller Art verzehrten teils stehend, teils langsam wandernd, halb von den Wellen überspült, ihr aus Schnecken oder Fröschen und kleineren Fischarten zusammengesetztes Frühstück; weiterhin, wo das Wasser breiter wurde, lagen im Sonnenschein die weiblichen Flußpferde mit ihren Jungen, zu denen sich nicht selten ein auf dem breiten Rücken des Muttertieres neben den Kleinen stehender Reiher oder Kranich gesellt hatte. Das Flußpferd blinzelte gemütlich, der Vogel hielt scharfen Ausguck nach Beute, die jungen Tierchen neckten einander und fielen zuweilen klatschend in den See, der aber auch hier nicht tief schien; kurz, es war im ganzen ein Bild des ungestörtesten Friedens, den selbst die Büffelherde im hohen Farngras trotz ihrer Hörner und ihres bedrohlichen Aussehens nicht zu scheuchen vermochte. Marabuts und Ibisse, Pelikane und Plotos wiegten sich halbgeschaukelt, halb auf einem Bein im Wasser stehend; Fische zuckten zuweilen vom Grund herauf; Schmetterlinge aller Größen, golden und purpurn, ganz weiß oder im schönsten Blau prangend, huschten von Blüte zu Blüte; geschäftige Bienen trugen Beute; Ameisen in langen Zügen marschierten auf dem duftenden Erdboden; unschädliche Schlangen verschwanden blitzartig unter dem nächsten Gebüsch oder ein paar vertrockneten Blättern.

„Karl,“ fragte Hans, „kennst du die sonderbare Frucht, welche von diesem Baum herabhängt, flaschenförmig und ganz grün wie das Blatt selbst? — Die müssen wir uns einmal in der Nähe besehen.“

Er ging zu einem Stamm, von dessen Zweigen unzählige grüne, langgestreckte Früchte oder Auswüchse herabhingen. Mit der Hand ließen sich dieselben nicht erreichen, Hans schüttelte daher den untersten Ast, und nun fielen allerdings die unbekannten Dinger haufenweise herab, aber — — — welchen Inhalt ausschüttend!

„Um des Himmels willen!“ rief Holm, „das sind die Nester der Eloway-Moskitos! Wie konnte ich mich denn auch darüber täuschen! Schnell, Hans, schnell, nimm einen dichten Busch und schlage damit in den Schwarm hinein. Wir müssen flüchten, — so rasch als möglich.“

Während dieses schreckensvollen Rates hatte er bereits ein paar blattreiche Zweige abgebrochen und einen davon seinem jungen Genossen zugeworfen. Die Moskitos, Tausende an der Zahl, umschwärmten ihre vermeintlichen Angreifer und begannen laut summend zu stechen, wohin sie sich setzten. Jeder Schlag tötete eine bedeutende Anzahl, aber wo eine gefallen war, da erschienen hundert andere an ihrer Stelle; Holm und der Knabe befanden sich inmitten einer schwarzen Wolke dieser Blutsauger, die vereint in der Weise beleidigter Bienen ihren Angriff vollführten. Es war unmöglich, sich der kleinen Gegner zu erwehren; aus allen Nestern krochen sie hervor, fanden den Weg unter die Kleider der beiden jungen Leute und verursachten ihnen so heftige Schmerzen, daß die Jagdlust davor weichen mußte. „Ins Wasser,“ rief Holm, „ins Wasser oder wir sind verloren!“

Die Gewehre lagen schon längst im Grase, die Strohhüte auch, und so sprangen denn Lehrer und Schüler, sich notfalls auf ihre Schwimmkunst verlassend, Hals über Kopf in die blaue Flut hinein. Bis an den Mund unter Wasser, war es ihnen nunmehr ein leichtes, den etwa nachfliegenden Verfolgern durch schnelles Tauchen zu entgehen. Triefend, mit zerstochenen, geröteten Gesichtern, die Augen voll Wasser, so sahen sie sich an und brachen zugleich in ein herzliches Lachen aus. „Von einem Mückenschwarm besiegt!“ rief Hans.

Karl hob aus der schützenden Flut unvorsichtig den rechten Arm, um auf das Ufer zu deuten, zog ihn aber sogleich wieder zurück, als ein Dutzend Moskitos über seine Hand herfielen, der Kopf folgte nach, und so förderte er in Absätzen, prustend, sich schüttelnd und verschluckend, die beabsichtigte Rede zu tage, nur je zuweilen inne haltend, wenn er sah, daß Hans wie eine flinke Ente tauchte, und daß er also in diesem Augenblick keinen Zuhörer hatte. „Du sagst Mückenschwarm, mein Junge? Die Art sticht durch — warte Bestie! — prr, ich meine, sie bohren sich durch das Leder bis in die Haut. — Junge, wo bist du? — aha, ich sehe dich bereits. Hier haben wir auch die Iboko-Hornisse, die größte von allen! Bitte, ich verzichte auf nähere Bekanntschaft.“

Er entfernte sich während dieser Rede mit seinem Begleiter von der gefährdeten Stelle und machte es möglich, unter dem Schutz eines dichten Gebüsches das Ufer wieder zu erklettern. Die ertrunkenen oder zerquetschten Mücken wurden aus den Kleidern geschüttelt, das Wasser so gut als thunlich entfernt und Schilf und Halme abgelesen. „Jetzt warten wir noch ein Viertelstündchen, bis sich die Wut der Tiere gelegt hat,“ meinte Holm, „dann holen wir die Gewehre und schießen Büffel.“

„Überfallen denn die Moskitos nur ihre Angreifer, Karl? Nicht vielmehr alle Geschöpfe, die des Weges kommen?“