Endlich nahte auch so ein kleines Lemurenmütterchen mit zwei Jungen, die auf ihrem Nacken hockten, so daß es aussah, als habe die Alte drei Köpfe. Eins der Kleinen war so unruhig, daß es das Äffchen herabnahm und wie ein Kind auf dem Arme trug, indes die andere Hand Cakesbrocken aus dem Moos des Bodens hervorsuchte. Franz glaubte, nie etwas Hübscheres gesehen zu haben; er konnte der Versuchung, die kleine Gesellschaft zu füttern, nicht widerstehen und warf plötzlich eine Hand voll Krumen auf den freien Platz hinaus. Schon in der nächsten Sekunde war alles wie in den Boden hinein verschwunden, selbst die größeren Tiere hatten schleunigst das Weite gesucht. Es konnte aber auch nicht schaden, wenn eine Gattung der anderen Raum gewährte, gerade jetzt sollte sich ja der außergewöhnliche Reichtum an lebenden Wesen, wie ihn das Kapland besitzt, erst einmal zeigen. — An den Bäumen hing in großer Anzahl das träge, schwerbewegliche Chamäleon mit seinen blitzenden Augen und dem spitzen Rüssel, aus welchem die Zunge hervorhängt, die ruckartig hineingezogen wird, sobald sich eins der Tausende von herumfliegenden Insekten darauf gesetzt hat. Bald grau, bald rot, grünlich oder schwarz schimmernd, je nachdem es jagt oder ruht, triumphiert oder grollt, ist das kleine Tier so leicht zu zähmen, daß es von den Eingebornen zur Vertilgung der Insekten vielfach als Hausbewohner gehalten wird; seine angeborene Trägheit aber verläßt es nie. Fast über den Köpfen der Reisenden wiegten sich die braunen Pelze an den Zweigen; Nachtvögel huschten mit schwerem Flügelschlag vorüber, und vom Thale herauf drang zuweilen das dröhnende Brüllen des Büffels. Franz hatte wenig geschlafen, als am anderen Morgen die Pferde gesattelt wurden. Zu viel Neues, Sehenswertes war an seinen Blicken vorübergegangen; er suchte förmlich hinter jedem Busch oder Strauchwerk die kleinen, geschäftigen Lemuren in ihren grauen Röckchen und den langen Bärten; aber jetzt am hellen Tage hatten sich alle versteckt, die Halbaffen, die Chamäleone, die Eulen und Fledermäuse. Dafür belebten Antilopen den Weg, und ganze Herden von galopierenden Straußen zogen vorüber, einmal auch eine Elefantenschar, die durch das Unterholz brach und alles vor sich zu Boden warf, was ihr die Bahn versperrte. Natürlich hüteten sich die Reisenden, hier einen Angriff zu wagen; das schmetternde Trompeten der alten Männchen, ihre drohend erhobenen Rüssel und überhaupt das ganze Verhalten der kolossalen Geschöpfe flößten zuviel Respekt ein, als daß man bei einer so geringen Anzahl von Schützen den Kampf gegen etwa zehn bis zwanzig dieser Gegner hätte aufnehmen wollen.
Die Herde brauste vorüber, daß der Boden dröhnte, eine breite Spur zerknickter Pflanzen aller Art hinter sich zurücklassend; das Unterholz war zerstampft, Zweige abgerissen, Vögel aufgescheucht und zahllose kleinere Tiere heimatlos gemacht.
Holms Kugel erlegte eine Antilope, die gerade vor den Pferden aufsprang. Zum Mittagessen sollte sie gebraten werden, nach langer Zeit das erste frische Fleisch, welches die Reisenden erhielten: man wollte Gemüse kochen und Beeren pflücken, kurz sich einige recht gemütliche Stunden machen, aber — der Mensch denkt und Gott lenkt. Es mochte etwa zwölf Uhr sein, als die kleine Karawane ins Thal hinabschritt, um unten am Flußufer zu rasten. Üppiger Grasreichtum entfaltete sich, Früchte jeder Art luden zum Genuß; es war, als dürfte in dem Rahmen so vieler Schönheit, so vieler Schöpfungspracht auch nicht eine einzige Form, eine einzige Farbe fehlen. Am Rande der Lichtung begann dichter Wald, und auch selbst die offene Fläche war stellenweise von Bäumen durchstoßen. Die Pompelmus, eine apfelsinenartige, aber weniger wohlschmeckende Frucht, hing von den Zweigen so reichlich herab, daß die Reiter sie vom Sattel ergreifen und brechen konnten, Datteln und Tamarinden wuchsen über ihren Köpfen, der schöne Lumienbaum mit seinen purpurroten Blüten wiegte sich im Winde, und Kaktuspflanzen aller Arten schmückten die Gegend. Hier befand man sich an der Grenze des Kafferngebietes; es war also einige Vorsicht notwendig, weshalb auch die Führer voranritten und Umschau hielten. Die Weißen folgten langsam nach.
Plötzlich klang aus nächster Nähe Hundegebell, man hörte mehrere Stimmen lebhaft rufen, und ehe sich die kleine Gesellschaft dessen versah, war sie von einer bedeutenden Anzahl gelber Gestalten umschwärmt. Von geringerer Größe als die Hottentotten, noch häßlicher und ganz ohne Kleidung außer einem den Rücken bedeckenden Stück Fell, wilder und roher in ihrer Erscheinung, glichen die Buschmänner einer Schar unterirdischer Gnomen oder Zwerge; sie schrieen alle zugleich, betasteten die Pferde und Kleider unserer Reisenden, verlangten mit ausgestreckten Händen dieses oder jenes, was ihnen besonders ins Auge fiel, und schienen namentlich mit dem ihnen zu teil gewordenen Anblick weißer Menschen noch gänzlich unbekannt.
„Hallo, Führer!“ rief Holm, „haben wir da Feinde?“
Und zugleich riß er die Kugelbüchse von der Schulter, um auf den Nächststehenden anzulegen. Die kleine, gelbbraune, häßliche Gestalt blieb unbeweglich, offenbar hatte der Stamm noch nie Feuerwaffen im Besitz gehabt.
Der eingeborne Führer ritt im Trabe herbei. „Die Saab thun uns nichts zu leide, Herr!“ rief er. „Das sind arme, dumme, vertierte Geschöpfe, die zwar stehlen, was sie erlangen können, aber doch keinen Mord begehen. Wir dürfen ungefährdet ihr Lager in Augenschein nehmen.“
Einige Worte, die er seinen Stammesverwandten zurief, schienen diese Behauptung zu bestätigen, die Buschmänner liefen wie Kinder, welche einen Gast in das Haus führen, den Fremden durch den Felsenpaß voran ins Thal und sahen dabei fortwährend zurück, als ob sie fürchteten, den Gegenstand ihrer lebhaften Neugierde plötzlich wieder zu verlieren. Umdrängt von der gelbbraunen, häßlichen, mit lauter Zisch- und Schnalzlauten durch einander schwatzenden Menge gelangten die Weißen bis an den Lagerplatz der Buschmänner, wo Frauen und Kinder an den verschiedensten Stellen herumhockten, ohne sich irgend einer Beschäftigung zu widmen. Es brannte kein Feuer, man sah kein Zelt, kein weidendes Tier oder irgend ein Gerät, wohl aber ließ sich erkennen, daß die Buschmänner in Felsspalten, in den verlassenen Höhlen wilder Tiere oder auch nur unter einem besonders dichten Gebüsch ohne weiteres Quartier zu nehmen pflegten. Ein Lager auf flachem Boden mit einigen Handvoll Blättern als Kopfkissen, das war alles, was sie beanspruchten.
„Führer, Sie bürgen uns also, daß kein plötzlicher Überfall erfolgen wird?“
„Ganz sicher, Master Doktor, ich kenne ja meine Landsleute.“