Holm und die Knaben stimmten einmütig für eine Rast unter den so unerwartet gefundenen Gelben. So tief wie dieses Volk schien kein Schwarzer der Westküste zu stehen; es war in naturwissenschaftlichem und kulturgeschichtlichem Interesse gleich wichtig, so viel als sich äußerlich wahrnehmen ließ, von Lebensweise und Charakter der Saab kennen zu lernen.
Die Reisenden stiegen von den Pferden und errichteten sich im Schutze mehrerer neben einander stehender Zitronenbäume ihr eigenes Lager. Während der Nacht wollten sie in der Niederlassung des wandernden oder, besser gesagt, vagabundierenden Volkes bleiben und dann noch etwa eine oder zwei Tagreisen verwenden, um auch den Anfang des Kafferlandes kennen zu lernen.
Ein Feuer loderte auf; die Führer weideten und zerlegten die Antilope; die mitgebrachte Pfanne kam zum Vorschein, und bald brodelte der Braten, dem man Früchte aller Art beigesellte. Die gelben Menschen schienen gar nichts, was einem Haushaltungsgerät ähnlich sah, zu besitzen, und auf eine Frage des Führers, wie denn bei ihnen das Wild zubereitet werde, antworteten sie nur durch spöttisches Lachen. „Ich weiß es wohl,“ sagte halb abgewandt der junge Hottentotte, „sie verzehren alles roh und essen auch alle Abfälle mit dem Fleisch. Übrigens kommt dergleichen selten vor, denn ihr eigentliches Heimatsgebiet ist eine Sandwüste, wo es nur niederes Gebüsch, Strauße und Quaggas gibt. Sie ziehen von Stelle zu Stelle, schießen das Wild, essen die Früchte und setzen ihren Stab weiter, sobald nichts zu plündern mehr vorhanden ist. Arbeit kennen sie nicht, betreiben weder Ackerbau noch Viehzucht, ja sie haben nicht einmal Hütten, sondern verkriechen sich wie wilde Tiere und stehlen, wo es angeht, die Herden der Quaquas. Es ist schon vorgekommen, daß ein Stamm von vielleicht zweihundert Köpfen bis zu sechshundert Ochsen und Schafe wegtrieb, wobei dann alles an einem Tage abgeschlachtet und späterhin verfault gegessen wurde. Meine Verwandten, die Saab, sind ein sehr armes, niedriges Volk.“
„Aber ihre Waffen möchte ich sehen,“ rief Franz. „Pfeile und Bogen natürlich. Ob sie davon verkaufen oder vertauschen würden.“
Der Führer sprach mit den Gelben, aber keiner wollte sein Eigentum hergeben, bis endlich der Packen mit den noch übrigen bunten Spielereien geöffnet wurde und nun auch die Widersetzlichsten bezähmte. Die Buschmänner tanzten wie Kinder, schlugen sich auf die Kniee vor Entzücken und jubelten laut. Für ein Messer erhielt Franz Bogen und Pfeile, von welchen letzteren ihm aber der Führer sagte, daß sie ohne Zweifel vergiftet seien. Ein Spiegel dagegen erregte den Wilden die lebhafteste Furcht; sie sahen aus einiger Entfernung hinein, griffen dann plötzlich hinter das Glas, offenbar um den vermeintlichen Widersacher zu erfassen. Nichts konnte sie bewegen, den „Fetisch“ zu berühren, ja, die Mütter drängten sogar ängstlich ihre neugierigen Kleinen, so oft sie sich heranwagten, zurück, bis endlich die gefürchteten Zaubergeräte wieder eingepackt wurden. Perlen und Kattun erregten ungemessene Freude, auch den Abfall der Mahlzeit ließen sich die harmlosen Kinder der Natur vortrefflich schmecken, entwickelten aber dabei einen so gesunden Appetit, daß notwendig zur Vollendung dieses Gastgebotes auch noch ihre eigenen, gewohnten Hilfsmittel herangezogen werden mußten. Und da zeigte sich denn, weshalb gerade diese Stelle zum Lagerplatz erwählt worden war. Neben einem längst gestürzten, in Verwesung übergegangenen Baum befand sich ein großer Ameisenhaufen mit wenigstens sechs bis zehn Kolonieen, die alle von den Buschmännern nach Eiern und Puppen durchsucht wurden. Ebenso begann auch die Jagd auf Heuschrecken; nirgends aber trug man das Erbeutete zusammen und verzehrte es aus einem Geschirr oder wenigstens gemeinschaftlich; sondern jede Heuschrecke wanderte zerquetscht von der Hand des Finders in den Mund, die kleinen weißen Ameiseneier wurden mit affenartiger Behendigkeit aus den Nestern herausgefischt und verzehrt, außerdem aber auch die überall wachsenden Zwiebeln aus der Erde gegraben und roh genossen.
„Ich hätte Lust, einmal zu schießen,“ meinte Holm. „Was sie für Augen machen würden.“
Gesagt, gethan. Franz band um die Krone eines in einiger Entfernung stehenden Bäumchens ein Stück Papier, und Holm schoß es herunter. Als der Schuß krachte, entstand unter den Wilden eine Bewegung, wie wenn ein Steinwurf einen Flug Sperlinge aufschreckt. Es war ersichtlich, daß die gelben Geschöpfe, denen der Name „Mensch“ kaum zuzukommen schien, nie im Leben ein Feuergewehr kennen gelernt hatten; sie flüchteten insgesamt unter den Schutz des Felsens, jedenfalls fest überzeugt, einem unheilvollen Zauber nicht mehr entrinnen zu können; ihre Bewegungen verrieten die lebhafteste Furcht, viele lagen sogar auf den Knieen und hielten das Gesicht in den Händen verborgen. Holm und Franz versuchten umsonst, die Leute zutraulicher zu machen; sie wollten ihnen die Kugelbüchsen zeigen oder gar hinreichen, aber alles vergebens; die Buschmänner flüchteten, sobald sie sich näherten, ja die allgemeine Angst schien so stark, daß überhaupt keine fernere Unterhaltung mehr möglich war.
Das Gewehr wurde beiseite gelegt, die Decken im Schutz einer Felswand ausgebreitet und die Pferde so an Bäumen befestigt, daß sie zwischen den Reitern und dem freien Platze standen. Als ein langsam brennendes Feuer von halbtrocknem Holz seine Rauchwolken zum Himmel sandte, streckten sich alle um die angenehm wärmende Glut und schliefen im Gefühl vollkommener Sicherheit sehr bald ein. Die Pferde mußten sie ja bei dem geringsten verdächtigen Zeichen durch ihre Unruhe sofort wecken. Stille und Dunkelheit lagerten über dem malerischen, mit so vieler Schönheit ausgestatteten Thal, von fern her klang das Rauschen des Waldes, die Quelle murmelte, Nachtfalter in wundervollen Farben, groß und glänzend, schwebten vorbei; geschäftig wanderten zu Tausenden die beraubten Ameisen fort aus ihrem halbzerstörten Bau, um sich eine neue Heimat zu gründen, Vögel zwitscherten wie flüsternd in den Zweigen, und Eidechsen schlüpften durch das Gras. Aber seltsam, kein größeres Tier zeigte sich, — und doch brachen und knickten drüben am Waldrand zuweilen die Gebüsche.
War es der Wind? War es ein Elefant oder — vielleicht Menschen?
Die Pferde standen ruhig fressend, also konnten es keine Raubtiere sein.