Der Tag ging langsam vorüber, bleiern und schwer folgte die nächste Nacht, aber immer noch änderte sich nichts. Die Belagerten saßen in dumpfer Ruhe bei einander, gefoltert vom Durst, mehr und mehr hoffnungslos in die nächste Zukunft sehend. Es war unerträglich, den Fluß plätschern zu hören, die ziehenden Wellen zu beobachten und dabei alle Qualen des Verschmachtens zu erleiden; es schnitt ins Herz, die Pferde mit gesenkten Köpfen dastehen zu sehen oder liegend wie im Sterben begriffen, — dennoch aber wollte der Führer bis zum letzten Augenblick aushalten, wollte von Übergabe nichts hören. „Die zweitfolgende Nacht wird ganz dunkel,“ sagte er, „dann ist es Zeit zum Handeln.“
„Was wollen Sie thun?“ fragte Holm.
„Ich habe meinen Plan,“ versetzte der Gelbe.
Damit war das Gespräch wieder zu Ende; es schien, als sei in allen die Lebenskraft dem Erlöschen nahe. So unthätig, belagert von einem nur geahnten Feind, laut- und regungslos wie im Kerker die Tage zu verbringen, das war ein entsetzliches Schicksal. Kopf und Augen schmerzten unausgesetzt, eine Art von Lähmung hatte sich aller Glieder bemächtigt, und das Sprechen wurde schwer. Eine Entscheidung mußte herbeigeführt werden, so wie die Sache jetzt war, konnte sie keinesfalls länger bleiben.
„Wenn es nur ein paar Tropfen regnen wollte,“ flüsterte Hans, „nur so viel, um ein einziges Mal die Zunge zu befeuchten.“
Holm schwieg. Ihm fehlte der Mut, jetzt zu antworten, daß es in der Nähe hoher, bewaldeter Gebirgszüge nicht regnet, weil die Feuchtigkeit durch den Pflanzenwuchs der Luft entzogen wird; er streichelte nur stumm die heiße Stirn des Knaben. Franz stand am Felsen, düster in das Halbdunkel hinausblickend. „Karl,“ sagte er leise und mit unsicherer Stimme, „man sollte für die Güter des Lebens, so lange man sie besitzt, dankbarer sein, — ich — ich habe so oft den Kaufmannsstand langweilig und das Sitzen am Pult trostlos genannt, — das war unrecht von mir.“
Holm lächelte. „Nun, da du den Wunsch deines Vaters, dich zum Geschäftsnachfolger zu erziehen, nicht erfüllen wolltest, so bist du Naturforscher geworden,“ antwortete er. „Was davon unzertrennlich ist, das mußt du in den Kauf nehmen.“
Franz sah ihn an. Die tiefliegenden Augen des Knaben glühten vor Erregung. „Und wenn wir alle hier sterben, Karl, dann — bin ich schuld daran.“
„O nicht doch, Junge. Was ficht dich an? — Schau dorthin, der Quaqua bereitet sich zu seinem großen Plane.“
Der Gelbe war beschäftigt, den Pferden die letzten erreichbaren Blätter und Gräser vorzuwerfen, dann zerschnitt er eine der Wolldecken und umwickelte mit den einzelnen Streifen die Hufe der Tiere. „Geben Sie mir jetzt die Büchse mit Zündhölzern!“ bat er, und nachdem ihm Holm das Verlangte gereicht fuhr er kopfnickend fort: „Sie kennen die Stelle, wo etwas oberhalb dieser Lichtung ein Quell aus dem Felsen springt? Nur hundert Schritte von hier, — wir hielten bei unserem Kommen dort an, um die Pferde zu tränken.“