Der Führer schüttelte den Kopf. „Unmöglich, Herr. Wie könnten wir ohne Gewehre und Lebensmittel fünfzig Meilen durchwandern? Die Amakossa würden uns nichts, vielleicht nicht einmal die Kleider im Besitz lassen.“
„Woran erkennen Sie denn mit so großer Bestimmtheit ihre Gegenwart, Führer?“
„Zunächst an dem Charakter der Kaffern überhaupt und dann an dem Fehlen aller auf dem Erdboden laufenden Geschöpfe. Was fliegt und in den Bäumen klettert, das sehen wir herankommen, aber all die Hunderte von kleinen Vierfüßlern, welche sonst am frühen Morgen zum Flußufer gehen, halten sich fern. Das allein beweist die Nähe von Menschen.“
Er schürte das Feuer und fing an, die Fleischstücke von gestern zu braten. „Wir dürfen uns nicht mutlos zeigen, Herr, nicht aussehen, als fürchteten wir die Halunken; desto länger werden sie einen eigentlichen Angriff hinausschieben. Dort, der große Geier über der Citrusgruppe, holen Sie ihn doch herunter!“
Franz hatte schon angelegt. Die Kugeln aus seiner und seines Bruders Büchse trafen zugleich den in der Luft schwebenden Vogel: mit schrillem Laut sich überstürzend und flügelschlagend, fiel er bis hart vor das Gebüsch, in welchem die Wilden versteckt sein mußten. Ein Schrei aus mehreren Kehlen, deutlich erkennbar, mischte sich in den Klang, — der Führer sah von einem zum andern. „Hören Sie wohl, meine Herren?“
„Wahrhaftig, die Roten sind noch dort,“ gestand Franz. „O diese heillose Geduldsprobe.“
Doktor Bolten stellte das Gewehr an den Felsen. „Im Augenblick sind uns alle Mittel und Wege abgeschnitten“ sagte er seufzend. „Wir müssen uns darein ergeben und der Sache die erträglichste Seite abzugewinnen suchen.“
Die Decken wurden zu Sitzpolstern verwendet, den Pferden Futter vorgeworfen und einstweilen das Frühstück aufgetragen. Lebensmittel besaß man noch für mehrere Tage, auch wenn nichts Frisches an Fleisch oder Früchten hinzukam, dagegen aber fehlte das Wasser schon jetzt sehr empfindlich. Rum oder alter Portwein, zur Stärkung in kleinen Flaschen mitgenommen, war vorhanden, konnte jedoch trotz seines teuren Preises das klare, kalte, von Mutter Natur geschenkte Quellwasser nicht ersetzen; namentlich die Tiere schnauften und ließen die Zungen heraushängen, so daß der mitleidige Hans leise hinging und recht große tiefsitzende Blätter pflückte, um durch die gesammelten Tautropfen derselben wenigstens einige Linderung zu bringen. Ein vernunftloses Geschöpf leiden zu sehen, thut ja dem fühlenden Menschenherzen so weh.
Die Amakossa gaben kein Lebenszeichen; offenbar lag es in ihrem Plane, die Eingeschlossenen zu einer Unvorsichtigkeit zu verleiten und ihnen alsdann in den Rücken zu fallen, eine Absicht, welche auch ohne die Gegenwart des farbigen, mit derartigen Fuchsfallen genügend vertrauten Führers vollständig erreicht worden wäre. Sie konnten hinter sicherer Deckung zum Wasser gelangen und sich durch Jagd mit Lebensmitteln versorgen, es wurde ihnen also sehr leicht, die Belagerung siegreich zu Ende zu führen, umsomehr als die Kräfte der Weißen in immerwährender Unruhe notwendig aufgerieben werden mußten. Etwa vierzig bis fünfzig Quadratfuß Raum für sieben Menschen, kein Trinkwasser, kein Brennmaterial zum Schutz gegen die nächtliche Kälte, keine freie Bewegung, und, was das schlimmste, sehr bald schon kein erreichbares Pferdefutter mehr, — das konnte unmöglich länger als einige wenige Tage ausgehalten werden.
So berechneten die Amakossa und warteten geduldig.