„Großer Gott, Führer, was sagen Sie da? — Wir sollten in dieser verzweifelten Lage, ohne Wasser und auf eine enge Felsschlucht beschränkt, noch einen ganzen Tag verharren?“
„Vielleicht noch zwei Tage, drei Tage, Herr, bis der Augenblick zur Flucht herangekommen ist. Das läßt sich nicht voraussagen.“
Eine tiefe Stille folgte diesen Worten. Man hörte wieder die leisen Laute der Natur ringsumher, nichts verriet feindliche oder zerstörende Absichten; fast schien es, als sei doch das ängstliche Hin- und Herreden, das bange Pulsieren des Blutes in den Adern nur ein Spuk der wildbewegten Einbildungskraft, als könne unmöglich an einem einzigen Schritt in dieses blühende Thal hinaus Tod und Leben hängen, ein qualvoller, entsetzlicher Tod fern vom Vaterlande unter den Spießen der rotbemalten Teufel.
Stunden vergingen so; obgleich der Führer wiederholt zum Schlafen mahnte, konnte niemand die Augen schließen, niemand konnte es unterlassen, fortgesetzt zu horchen. Wenn die Wilden Mut genug besaßen, mit plötzlichem, gewaltsamem Überfall die Schlucht zu stürmen, wenn sie es nicht beachteten, daß zehn oder zwanzig von den Ihrigen als Opfer fallen mußten, was dann? Ein kurzer, erbitterter Kampf Mann gegen Mann, und alles war zu Ende. Keine Stimme gab Zeugnis von dem, was in der Wildnis geschehen.
Endlich dämmerten die ersten Morgenstrahlen. In Busch und Wald wurde es lebendig, Vögel sangen, Affen kletterten auf den Zweigen, verspätete Ameisen rannten geschäftig hin und her, das ferne Heulen der Hyänenhunde war allmählich verstummt. Im Thale zeigte sich nichts, auch kein einziger Wilder sah hinter den Bäumen hervor; alles schien still und ausgestorben.
„Ob sie die Sache aufgegeben haben?“ fragte mit halbem Zweifel der Gelehrte.
„Ach, da kennen Sie die Kaffern nicht, wir werden in jeder Sekunde bewacht.“
„Führer, haben Sie schon ähnliche Lagen wie diese jemals durchgemacht?“
Der Gelbe nickte. „Unser Kraal ist mehr als einmal von den Amakossa überfallen worden,“ antwortete er. „Die Leute sind weder Menschenfresser noch blutdürstige Mörder, aber sie stehlen, und scheuen zur Erreichung ihrer Zwecke kein Mittel. Wenn wir unsere Waffen ausliefern, ebenso die Pferde, so trachten sie uns nicht länger nach dem Leben.“
„So laßt uns das lieber versuchen, Kinder!“ rief Doktor Bolten.