Der Malagasche verstand natürlich nicht, was ihm gesagt worden war, aber der Ton des letzten Wortes im Verein mit bezeichnender Handbewegung verrieten einigermaßen den Sinn der Worte. Er trollte sich schnellen Schrittes, indes die übrigen Halt machten, um unter den wundervollen Bäumen im Moos zu lagern.

Die Ruhe that den Reisenden wohl, und ganz gaben sie sich dem Genusse der schönen Landschaft hin, die sich vor ihren Augen ausbreitete. Unter fröhlichem Geplauder erwarteten sie die Rückkehr des Führers.

Ein langgezogenes Krähen verkündete alsbald die Nähe des zaubernden weißen Hahnes. Der Führer erschien und brachte in einem schlechtgearbeiteten Bambuskäfig das heilige Tier, indem er zugleich geheimnisvoll andeutete, daß noch ein weiteres Schutzmittel gegen den bösen Geist notwendig sei, ein Amulett, welches die Fremden auf der Stirn tragen müßten. Holm wollte natürlich auch das kaufen und erhielt nun für teuren Preis den Zahn eines Krokodils an einer mit Glasperlen verzierten Schnur. „Jetzt seid ihr sicher, Fremdlinge,“ erklärte der Malagasche, dem ein Geschäft mit den Weißen noch nie so leicht gewesen sein mochte, „jetzt ist Angatsch ohnmächtig gemacht und der Riese Darafif, der Sohn Zannaars des Weltgeistes, euer Freund geworden. Der weiße Hahn blendet die Blicke aller Häuptlinge, daß sie euch die Hände reichen und euch Brüder nennen, der weiße Hahn lähmt die Sinne der Wildschweine, daß sie sich taumelnd in eure Spieße stürzen.“

Holm hörte zu, ohne eine Miene zu verziehen. „Lacht nicht, Kinder,“ ermahnte er in deutscher Sprache, „lacht nicht. Die Malagaschen sind als hinterlistig und äußerst rachsüchtig bekannt, sie möchten uns hier inmitten ihrer Urwälder empfindlich strafen, wenn wir sie beleidigen würden.“

Er dankte den Eingebornen, und nun erst konnte das Wasser des Ravinala probiert werden, ebenso die Früchte des Brotbaumes und die vielen wildwachsenden Beeren. Langsam wanderten die Reisenden dem Dorfe entgegen, das ihnen bei näherer Betrachtung durch irgend ein außerordentliches Ereignis in Aufregung versetzt zu sein schien. Den Mittelpunkt der Niederlassung bildete ein großer, versumpfter See, an dessen einem Rande sich die Hütten erhoben, und wo jetzt Hunderte von Menschen durch einander liefen. Schon der erste Blick zeigte, wie hoch über den wilden Negerstämmen die Malagaschen stehen. Sie alle waren in weite, faltenreiche Gewänder gehüllt, trugen zum Teil sogar Hüte und bewohnten geräumige, runde, mit Palmenblättern gedeckte Hütten, welche mit ihren hölzernen Einfriedigungen einen guten Eindruck machten. Sogar Thüren von genügender Höhe fanden sich, Hunde, Hühner und Schweine hatten ihre abgesonderten Stallungen und um die Hütten herum grünten und gediehen zahlreiche Anpflanzungen.

Wie ein wahres Gegenstück zu diesem friedlichen Bilde erschien der Anblick des Sumpfes, aus dessen trüben Fluten große Krokodile ihre greulichen Rachen erhoben. Nur die kleinen tückischen Augen verrieten durch ihr Blinzeln, daß diese Masse lebe. Überall zeigten sich die gefährlichen Bestien; der See mochte mehr als fünfzig beherbergen, ja sogar in einem breiten Flusse, der mit dem stehenden Gewässer nicht weit vom Dorfe in Verbindung trat, schwammen noch die häßlichen Geschöpfe, so daß Holm voll Erstaunen den englisch sprechenden Führer fragte, weshalb man es unterlasse, sich dieser Raubgesellschaft auf kürzestem Wege zu entledigen. Aber der olivenfarbige Mann antwortete kopfschüttelnd: „Das verstehst du nicht, Fremder. Die Tiere haben hier das Richteramt im Dorfe, sie sind unverletzlich; wir füttern sie und bezeugen ihnen die größte Verehrung. Siehst du nicht dort am Ufer die versammelte Menge?“

„Freilich. Aber was treiben diese Leute?“

„Ein Sklave steht im Verdacht des Diebstahls, Fremder. Die Krokodile werden also zu Gericht sitzen und entweder seine Unschuld beweisen oder ihn strafen, wie es sich gebührt.“

„Das heißt — den Unglücklichen fressen?“

„Wenn er wirklich gestohlen hat, ja.“