Fünftes Kapitel.
Für den Rückweg bis zur Kapstadt wurde natürlich eine veränderte Richtung eingeschlagen, aber obwohl auch hier manches Neue und Sehenswerte den Blicken begegnete, obwohl mehr als ein Kraal in Augenschein genommen und mehr als ein Tier erlegt wurde, so kehrte doch auf dem ganzen Wege die rechte Freudigkeit in die Herzen der Reisenden nicht wieder ein. Das jähe Ende eines Menschen, mit dem wir noch vor wenigen Stunden oder Tagen im engsten Verein lebten, führt auch den Leichtsinnigsten zur inneren Einkehr, wie viel mehr mußte sich ein solches Ereignis in den Vordergrund drängen, wo gute, fühlende Herzen von seinem Eintritt erschüttert wurden! Das Bild des stillen, feierlichen Waldrandes und der weiten Ebene zur Rechten, wie die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen über das Wasser dahinstreiften, als der Tote zur letzten Ruhe bestattet war, — das alles hatte sich unverwischbar den Seelen der Umstehenden eingeprägt, und erst als in der Kapstadt Briefe von Hamburg die Ankömmlinge freudig überraschten, löste sich der Druck, den bisher alle empfanden. Nachrichten aus der geliebten Heimat! Nur wer in weiter Ferne allein und freudlos unter Fremden lebte, der kann ermessen, welchen Jubel ein solcher Brief hervorruft. Nicht allein Papa und Mama hatten geschrieben, auch die Schwestern und Freunde, auch Schulkameraden und Nachbarn; alle beglückwünschten die kühnen Afrikareisenden, alle baten um lange Briefe und um irgend ein interessantes Geschenk, am liebsten Photographieen von Wilden, oder sonst einen Gegenstand, den man nicht kaufen könne. Der bereits erwartete photographische Apparat mit allem Zubehör war ebenfalls wohlverpackt eingetroffen, sowie eine Sendung dicht verschlossener Metalldosen, in denen sich Gips befand, dessen Gebrauch den Knaben vorläufig noch unbekannt blieb. Holm freute sich sehr über die Ankunft desselben. „Einen Tag hindurch bei euch sein möchte ich wohl,“ schrieb Karl, Franzens Klassenkamerad vom Johanneum, „aber nicht über das Weltmeer fahren und auch nicht in Urwäldern schlafen, das muß doch schauderhaft sein! Erkältet ihr euch nicht immer dabei? Ich kann nun einmal unmöglich für solche Abenteuer schwärmen, aber Emil und Theodor und alle anderen aus Sekunda beneiden euch; Johannes will, seit er eure Briefe gelesen hat, jedenfalls Naturforscher und Afrikareisender werden, er kann kaum erwarten, bis die Zeit da ist. Eure Geschenke sind glücklich angelangt und schmücken bereits den Zoologischen Garten und das Museum, schickt nur mehr mit der nächsten Post, vor allen Dingen aber schreibt fleißig, ihr müßt aus jedem Hafen einen Brief absenden.“
Auch Doktor Bolten hatte eine längere, eingehende Mitteilung von dem Vater seiner Zöglinge. Herr Gottfried dankte ihm für das richtige Gefühl, welches in Palma den Bonnynegern, die Franz aus den Händen der Benins befreiten, ein Geldgeschenk namens der Eltern des Knaben bestimmt hatte; er erlaubte auch für künftige derartige Fälle dem würdigen Erzieher, das zu thun, was nach seiner Ansicht das Richtige sei, und so erhielten denn vor der Abreise nach Madagaskar die Hinterbliebenen des verunglückten Führers eine Summe, die wenigstens dazu angethan war, ihre äußerlichen Sorgen zu lindern. Alle Errungenschaften an Pflanzen, Blumen, zahllosen Insekten, Kerbtieren und Schlangen wurden auf das Schiff gebracht, neue Einkäufe besorgt, lange Briefe nach Hamburg geschrieben, und dann lichtete der Dampfer seine Anker, um jetzt die Inselwelt des Indischen und Großen Ozeans aufzusuchen. Zunächst durch den Kanal von Mozambique nach Madagaskar, wo an einer nur für Boote zugänglichen Bucht des am wenigsten bekannten und bereisten Teiles die Entdeckungsfahrt in das Innere wieder begann. Da die Seereise kurz und ohne Störung von statten gegangen war, so gaben sich alle mit fröhlichem Mut der Hoffnung hin, daß auch dieser Ausflug neue, reiche Schätze zutage fördern werde. Das Tier- und Pflanzenleben, die Wohnungen und die Beschäftigungsweise der Malagaschen kennen zu lernen, genügte ein Ausflug in die Dörfer des Innern, und den unternahm man, nachdem alle Vorbereitungen getroffen und einige des Weges kundige Führer gemietet waren. Durch einen dichten Wald der schönsten, verschiedenartigsten Palmen ging es auf bald bergigem, bald flachem Boden dahin; blühende Lianen schlangen sich um alle Zweige. Der Sagobaum und die giftige Brechnuß wuchsen in malerischen Gruppen, die afrikanische Palme zeigte ihren sonderbaren, einem Wickelkinde nicht unähnlichen plumpen Stamm, und endlich erschien auch die Ravinala, welche allein auf diesem Teil unseres Erdkörpers gefunden wird. Der hübsche, schlanke Baum mit emporstrebenden Stielen, die immer nur in ein einziges, breites Blatt auslaufen, heißt auch der Baum der Reisenden, und zwar weil das untere Ende jedes dieser Blattstiele eine innere Höhlung besitzt, in welcher sich klares Wasser sammelt, das ohne Mühe mittels Durchstechen der grünen Umwandung erlangt werden kann und daher den Reisenden von großem Werte ist. Unsere Freunde wollten Halt machen, um die seltsame, nur auf Madagaskar gefundene Flüssigkeit zu kosten, aber die Führer schüttelten den Kopf und deuteten auf die in der Ferne sichtbare Niederung, wo aufsteigender Rauch ein Dorf ankündigte. „Unternehmt nichts im Lande des bösen Geistes Angatsch,“ warnten sie, „berührt keinen seiner Bäume, keines seiner Tiere, ehe ihr nicht den geweihten Hahn zu eurem Schutze bei euch habt. Im Dorfe könnt ihr ihn kaufen.“
Der alte Theologe hörte mit großem Erstaunen an, was der olivenfarbige Eingeborne in schlechtem Englisch vorbrachte. „Ein geweihter Hahn?“ wiederholte er entrüstet, „was behauptest du da, mein Sohn? Ein Hahn —“
„Doktor, Doktor, wir sind in Feindes Land und müssen also klüglich seinen Sitten folgen! Wenn uns dieser gelbe Angatschgläubige als Ketzer verklagt, so werden wir möglicherweise alle in einem Tempel wie Opfertiere behandelt, lassen Sie uns lieber gütlich erfahren, was der geweihte Hahn bedeutet, und auf diese Weise unsere Kenntnisse bereichern. Sie erinnern sich ja des Hottentotten-Großvaters als Schlange, nicht wahr? und des mondanbetenden Dorfkönigs aus dem Dahomey-Lande?“
Der alte Herr lächelte wider Willen. „Aber ein Hahn!“ seufzte er.
Holm war sehr belustigt. „Was ist’s mit dem Geweihten?“ fragte er ganz ernsthaft die Führer. „Wir wollen niemandes Gefühle verletzen.“
Die Malagaschen deuteten zum Dorfe. „Alle ganz weißen Hähne sind heilig,“ erklärten sie, „aber eben darum werden sie auch von den Zauberern sehr teuer verkauft. Wer einen weißen Hahn besitzt, der ist gegen Angatschs Verfolgungen gesichert. Jeder Reisende nimmt solches Tier mit sich, und unter jedem Dache lebt eins.“
„Aha! — und auch wir können einen derartigen Beschützer erlangen?“
Die Führer hielten Rat, endlich erbot sich einer, im Dorfe den Hahn zu kaufen, worauf ihm Holm das nötige Geld einhändigte und ihn mit einer kleinen, in deutscher Sprache gehaltenen Standrede entließ. „Hole uns den Gebieter der Bilderfibel, mein Sohn, aber glaube nicht, daß du im stande seiest, uns zu täuschen. Ein ansehnlicher Obolus wird in deinen Besitz übergehen, obwohl du keine Taschen führst; vielleicht stiehlst du sogar den Meister Kikeriki vom nächsten Düngerhaufen weg, aber das thut hoffentlich in den Augen des eingebornen Satanas von Madagaskar seiner Heiligkeit keinen Eintrag. Fleuch!“