Selbst der schüchterne Hans war entrüstet wie nie. „Lieber Herr Doktor, helfen Sie doch dem armen Menschen,“ bat er dringend. „Papa bezahlt es gern, wenn sie seinem grausamen Besitzer eine Summe bieten, um ihn zu kaufen und zu befreien. Soll man denn nicht das Böse überall, wo es uns entgegentritt, bekämpfen?“

„Natürlich!“ murmelte Franz. „Natürlich, und ich werde mich auch nicht hindern lassen, das zu thun, was ich für recht halte.“

Der alte Herr ging geraden Weges zu jener Gruppe des Häuptlings oder Zauberers, wo vorhin die Verurteilung des Sklaven stattgefunden hatte. „Leute,“ rief er in englischer Sprache, „Leute, was thut ihr? Bedenkt, daß das Leben dieses Kindes verloren ist, wenn ihr ihm nicht schleunigst zu Hilfe kommt, und daß die Verantwortung auf euch zurückfällt! Ich will den Sklaven kaufen, befehlt ihm, so schnell als möglich an das Ufer zu schwimmen.“

Finstere Blicke antworteten ihm. „In was mischest du dich, Fremder?“ fragte grollend der weißgekleidete Alte. „Ich bin der Priester dieses Stammes und stehe hier im Namen Zannaars des Weltgeistes, der die Sünde strafen will.“

Doktor Bolten streckte die Hand aus. „Zannaar in deiner und Gott in meiner Sprache!“ rief er, „aber immer ein Wesen voll Gerechtigkeit und Erbarmen, das solche Greuel strafen und verabscheuen muß. Dein —“

Der Knall eines Büchsenschusses zerriß die Stille, vom Wasser her tönte ein gellender Aufschrei, der in Hunderten von Kehlen sein Echo fand. Sprachlos mit beschwörend erhobenen Armen starrte der Priester auf den See, wo jetzt der braune Knabe in schnellerer Bewegung dem rettenden Ufer zueilte, wo aber auch eine Blutlache und ein Toben und Ringen unter dem Wasser nur zu deutlich verriet, daß eins der heiligen Tiere getroffen war und sich sterbend im Schlamm wälzte. Von allen Seiten stürzten aufgeregte erbitterte Menschen den drei Weißen entgegen, vergeblich bemühte sich der Führer, Frieden zu stiften; wie eine Lawine vergrößerten sich die andrängenden Massen; Drohworte wurden laut und in weniger als einer Minute waren den drei wehrlosen jungen Leuten die Waffen entrissen.

Franz hatte seine Absicht ausgeführt. Als eins der Krokodile den Rachen aufsperrte, um das geängstigte Opfer zu verschlingen, da legte er gedankenschnell das Gewehr an die Wange und traf als geübter Schütze das Auge der Bestie, so daß sie schnaufend zusammenbrach und rings umher das Wasser mit ihrem Blute färbte. Der Malagasche schrie vor Entsetzen, mehr erschreckt durch den plötzlichen Schuß als durch die anwesenden Krokodile, dann aber floh er alles vergessend, so schnell es seine Kräfte erlaubten, dem Lande zu. Vielleicht waren von dem ungewohnten Ereignis auch die Tiere in Verwirrung geraten, sie tauchten in den Schlamm und versuchten keine weitere Jagd. Noch eine Minute, dann sprang der gerettete Knabe unversehrt an das Ufer.

„Gottlob!“ rief Franz. „Das abscheuliche Verbrechen wäre vereitelt.“

„Aber um teuren Preis. Ich glaube nicht, daß einer unter uns mit dem Leben davon kommt! — O Franz, Franz, was hast du gethan?“

„Das Rechte!“ rief ungestüm der Knabe. „Ich fürchte mich nicht.“