„Ruhig, Kinder,“ ermahnte Holm. „Da das Urteil nicht sofort und unter dem Einfluß des erbitterten Volkes zur Vollstreckung gelangt, so ist noch Hoffnung vorhanden. Fürs erste bin ich gespannt, ob man uns den Hahn wegnimmt!“
Das geschah nicht. Die vier Gefangenen wurden in eine leere Bambushütte am äußersten Ende des Dorfes einquartiert, und der Hahn blieb einstweilen in ihrem Besitz. Schwarze und rote Decken aus Pflanzenfasern, ein paar Körbe für Lebensmittel und ein plumpes, eisernes Gefäß für Trinkwasser bildeten die einzige Ausrüstung; Fenster waren nicht vorhanden, dagegen aber gestatteten die Fugen zwischen den Bambusstäben sowohl der Luft als auch dem Blick einen ungehinderten Durchgang, so daß wenigstens für die unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse, Luft, Licht und Wasser, einigermaßen gesorgt war. Was es nun freilich zu beißen gab, das blieb noch dahingestellt.
Lani-Lameh näherte sich in Begleitung des Führers, der ihm als Dolmetscher diente, und der in seinem Namen die Weißen aufforderte, all ihr bewegliches Besitztum herauszugeben. Taschenmesser, Kamm, Spiegel und Portemonnaie mit Inhalt wanderten in das Körbchen, welches der heilige Mann am Arm trug, ehe sich derselbe jedoch von seinem Gefährten trennte, gab er diesem mit schneller, heimlicher Bewegung ein paar Goldstücke, — die Gefangenen sahen es und wechselten einen bedeutsamen Blick. Man konnte also dem schlauen Gelben keinesfalls trauen.
Die Thür der Hütte wurde verschlossen und mit mehreren starken Eisenriegeln noch obendrein von außen verwahrt, der Volkshaufe, welcher anfänglich das Gebäude umtobte und umheulte, begann sich zu verlaufen, und leise sanken die Schatten der Nacht herab. Es war ganz still in dem engen, von leichtem Luftzug fortwährend durchwehten Raum, nur der Hahn krähte zuweilen — vielleicht begriff er nicht, wo so plötzlich die Schar seiner Hennen, wo die köstliche Freiheit seines Düngerhofes geblieben war.
Holm streichelte das schneeweiße Gefieder. „Kann ich es machen, so sollst du mit uns nach Hamburg zurück,“ sagte er. „Ohne deine schützende Nähe war unser Leben der Volksjustiz längst verfallen. “
Franz rüttelte an allen Stäben. „Ob wir nicht fliehen können, Karl?“
„Siehst du denn nicht draußen den Hüter? — Ich möchte übrigens wissen, was dieser Bursche betreibt!“
„Er schmiedet!“ erklärte Hans. „Vor sich hat er auf ein paar großen Steinen ein Reisigfeuer, und auf einem anderen flachen Stein hämmert er. Was er macht, sind Löffel.“
„Ich sehe von dieser Seite mehrere Männer bei einer derartigen Arbeit,“ bemerkte der Doktor. „Einer hält das glühende Eisen, und zwei andere schlagen taktmäßig, ja sie haben wahrhaftig sogar einen Blasebalg aus Bambusstäben und plumpen, hölzernen Cylindern. Wären nicht die Leute halbnackt, so könnte man glauben, eine deutsche Dorfschmiede zu sehen.“
„Es wird dunkel,“ schauderte Hans. „Wie sonderbar ist doch das Gefühl, ein Gefangener zu sein.“