Wenn er dachte, daß die beiden Knaben, diese jungen, glücklichen Kinder, die Söhne eines reichen, ja fürstlichen deutschen Handelshauses, auf so schreckliche Weise den Tod finden sollten! Seine Finger umklammerten mit eisernem Griff die Bambusstäbe, aber er fühlte, daß der Versuch, das biegsame Holz zu zerbrechen, vergeblich sei. Seufzend warf er sich auf die Matte.
Da reichte ihm Doktor Bolten die Hand. „Rufe mich an in der Not, und ich will dich erretten!“ — sagte leise mit eindringlichem Tone der Greis.
Holm wandte erschüttert bis ins tiefste Herz das Gesicht gegen die Bambuswand.
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Der nächstfolgende Morgen brachte keine Veränderung, auch der lange, unendlich lange Tag schlich dahin, ohne daß irgend jemand die Gefangenen besucht hätte. Das Fleisch und der Mückenkuchen waren verzehrt, das Trinkwasser ging zur Neige; wieder brach die Nacht herein, wieder wurde es dunkel und verstummte das Leben des Tages. Und doch befanden sich die vier Unglücklichen im Zustande fortwährender Aufregung, doch erwarteten sie beständig nahende Schritte, horchten bei jedem Laut und erschraken heimlich, so oft einer der Eingebornen in die Nähe kam.
Während der zweiten Nacht schlief keiner. Ein furchtbares Gewitter schüttelte die Baumriesen des nahen Waldes, pfeifend heulte der Sturm, und von Zeit zu Zeit brach mit donnergleichem Krachen ein alter Stamm, den Blitz oder Windsbraut erfaßt, zu Boden. Aufgeschreckte Affen flohen kreischend hinaus auf die Ebene, eine Büffelherde zog in eiligem Galopp vorüber, und strömend rauschte der Regen. Es war so recht eine Nacht, um im sicheren, gemütlichen Heim nahe an einander zu rücken und dem Singen und Heulen des Sturmes zu lauschen; es war aber auch eine Nacht, um die Herzen der Gefangenen zur Mutlosigkeit herabzudrücken und sie mit den düstersten Ahnungen zu erfüllen. Was würde der nächste Morgen bringen?
Holm glaubte alle Hoffnung aufgeben zu müssen. Lani-Lameh konnte aus mehr als einem Grunde nicht daran denken, seine Gefangenen wieder freizugeben, wenn er nicht die eigenen Interessen auf das schwerste gefährden wollte. Hier im westlichen Innern der Insel war überhaupt der einzige Punkt, wo noch das Heidentum regierte, wo die Christuslehre bis jetzt nicht festen Fuß fassen konnte, und wo also für ihn, den Zauberer, Wahrsager oder Götzenpriester, allein noch der Weizen in Blüte stand. Er mußte sich folgerichtig gegen das Vordringen der Kultur wie gegen seinen schlimmsten Feind verteidigen und durfte daher die Tötung des heiligen Krokodiles nicht ungerächt hingehen lassen. Der schlaue Geselle fürchtete nebenbei auch die Weißen, welche nur der Tod verhindern konnte, das auszuplaudern, was sie hier gesehen hatten.
Schon am folgenden Morgen zeigte sich die Richtigkeit dieser Schlußfolgerungen. Man brachte den Weißen Speise und Trank, befahl ihnen sich zu waschen und alsdann auf den freien Platz in der Mitte des Dorfes zu erscheinen. Die Thür des Gefängnisses blieb offen, trotzdem aber war an keine Flucht zu denken, denn eine ununterbrochene Kette von Bewaffneten umgab von drei Seiten die kleine Niederlassung, während vorn die greulichen Rachen der Krokodile wie eine unübersteigbare Mauer den Weg versperrten.
Draußen glänzte nach dem nächtlichen Gewitter die Natur in doppelter Schöne. Überall grünte und blühte die üppige Prachtfülle des Südens, überall lag auf der Szene jener goldene Sonnenzauber, der erst die Schöpfung zu erwecken scheint. Tauben in zahllosen Arten bevölkerten die Gehöfte, große Schmetterlinge wiegten sich auf Blumen und Hunderte von Singvögeln schmetterten in jubelhellem Chor. Es war hart, nach erdrückender Gefangenschaft in solchen Morgen hinauszutreten, um aus dem Munde heidnischer Barbaren das Todesurteil zu vernehmen, um zu erfahren, daß dieser Tag der letzte sei vor einer Hinrichtung, die an Abscheulichkeit und nichtswürdiger Brutalität von keiner anderen übertroffen werden konnte. Es war hart, aber dennoch bewahrten die Weißen alle Würde und Ruhe ihrer Nationalität. Sie hatten beim Hinaustreten auf die Dorfstraße einander nur stumm die Hand gedrückt; auch jetzt gingen sie schweigend durch die friedliche, malerisch belegene Niederlassung bis an den Punkt, wo ein zweiter, engerer Kreis von Bewaffneten eine Gruppe umschloß, in deren Mitte gebieterisch der Zauberer stand. Lani-Lameh erwartete mit fünf Beisitzern dieses schauerlichen Gerichtes die Gefangenen; er hatte sich in ein langes, scharlachrotes Gewand gehüllt, auf dem Kopfe trug er einen spitzen, mit goldenen Schnüren und Troddeln umwickelten Hut, ein goldenes Band hielt die Falten in Gürtelform zusammen. Die anderen Richter waren ähnlich gekleidet, nur fehlte bei ihnen das Gold, während die gemeinen Krieger überhaupt nichts trugen, als eine Art von formlosem Hemd aus Grasfasern und die langen Wurfspieße, hier Sagaien genannt.
Einer derselben hatte aus dem Gefängnis den weißen Hahn herbeigeholt und setzte jetzt den Käfig desselben zu Füßen Lani-Lamehs auf den Boden.