Das Tier krähte laut und lustig, wahrscheinlich um in seiner Weise den wundervollen Morgen zu begrüßen.

Lani-Lameh erhob die Hand. „Vom Abendlande her kommen die Ungläubigen,“ sagte er mit lauter Stimme, während der Dolmetscher jedes Wort übersetzte, „sie drangen mit ihren Feuerwaffen in das Land der Hovas und nahmen keinen Anstand, den großen Geist Zannaar und den Riesen Darafif, seinen Sohn, auf das empfindlichste zu beleidigen, indem sie den Gesandten der Gottheit, den heiligen Kaiman erschossen. Lani-Lameh hat die Geister gerufen und sie gefragt, welche Strafe den Übelthätern zu teil werden sollte; er warf sich vor den Unsterblichen auf sein Antlitz und beschwor sie, die Stimme des Priesters zu hören. Zannaar, der große Geist der Welt, befahl den Wolken, das Land mit Wasserfluten zu übergießen, er sandte den Sturm und den Blitz, um die Menschen zu erschrecken, und redete mit der Stimme des Donners. Lani-Lameh verstand den Beschluß des großen Geistes! Die vier Übelthäter sollen dem Gericht der Krokodile überliefert werden,“ sprach er. „Sie sollen den See zweimal durchschwimmen, nachdem die heiligen Tiere während eines Tages und einer Nacht kein Futter mehr erhalten haben. Wer von ihnen auf diesem Wege lebend das Ufer wieder erreicht, der möge gehen, wohin es ihm beliebt. Die Götter haben ihn freigesprochen.“

Nachdem der Zauberer mit lauter Stimme diese Worte vorgebracht und dabei das Gewitter der letzten Stunden für seine Zwecke klüglich ausgebeutet hatte, nahm er den Käfig vom Boden und ließ den weißen Hahn herausfliegen. „Jetzt seid ihr rechtlos,“ schloß er, „Zannaar hat euch verlassen und Angatsch der Böse Besitz genommen von eurem Schicksal. Morgen mit Sonnenaufgang wird das Urteil vollstreckt werden.“

Eine Handbewegung gebot einigen Kriegern, die Gefangenen wieder in ihre Hütte zurückzuführen, der Hahn flatterte, immer noch vergnüglich krähend, zu seinen Genossen in das Dorf, und unsere vier Freunde wanderten in das Gefängnis, dessen Thür sich für sie jetzt nur noch ein einziges Mal öffnen sollte. Wie blaß die Knaben waren, und wie ernst der Doktor aussah. Holm ging von einem zum anderen, um zu trösten. „Noch haben wir fast volle vierundzwanzig Stunden,“ sagte er, „wer weiß, was geschieht! Der Tod war uns ja auf dieser Reise schon mehr als einmal um Haaresbreite nahe, wir sind dem Orkan und den reißenden Tieren, wir sind den afrikanischen Wilden entgangen, — wer weiß, was geschieht!“

„Aber woher sollte die Rettung kommen?“ fragte Hans. „Wir sind verloren, Karl, wir müssen sterben, ohne daß irgend jemand von den Unsrigen erfährt, wie und wo wir zu Grunde gingen. Der Kapitän wird nach der Hauptstadt fahren und dort den deutschen Konsul benachrichtigen; man wird die Insel durchforschen und überall fragen, wo wir blieben; aber niemand gibt die Antwort, niemand bringt Kunde nach Hamburg. O es ist entsetzlich, viel entsetzlicher als der Tod im Kampfe gegen wilde Tiere.“

Holm streichelte das blasse Gesicht des Knaben. „Schon in dieser Rechnung ist das Fazit ein voreiliges, mein Junge,“ sagte er freundlich. „Gesetzt, daß das Schlimmste wirklich geschähe, — könnte und würde dann nicht höchstwahrscheinlich wenigstens einer unter uns gerettet werden? — Das gäbe zwar den Getöteten das Leben nicht zurück, aber es würde doch zur Sühne für ihre Ermordung genügen. In weniger als Jahresfrist wären deutsche Kriegsschiffe hier, um Rechenschaft zu fordern.“

Franz erhob plötzlich den Kopf. „Ich glaube noch nicht, daß wir sterben müssen, Karl,“ rief er. „Ich kann es nicht glauben, — Gott darf es nicht zulassen, er —“

„Still, mein Sohn, du vermißt dich! Gewiß war deine Absicht eine reine und gute, eine solche, die auch vor den Augen des höchsten Richters Gnade finden wird, gewiß glaubtest du das Rechte zu thun, weshalb dir, wie du weißt, deine Erzieher keinerlei Vorwürfe gemacht haben; aber doch mischtest du dich unberufen in die Verhältnisse eines wilden Volks, erlaubtest dir einen Eingriff in die Empfindungen anderer, das war menschlich aber unklug. Bitte Gott, mein lieber, warmherziger Junge, aber fordere nicht, und vor allem laß uns die Stunden, welche vielleicht auf Erden unsere letzten sind, nicht durch persönlichen Groll entweihen.“

Niemand antwortete dem alten Geistlichen; jeder war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, zu sehr erschüttert, um sprechen zu können; auch das Essen blieb unberührt stehen, und als der Abend herabsank, setzten sich die Unglücksgefährten so nahe als möglich neben einander auf eine Matte, um noch, so lange ihnen Zeit blieb, einer dem anderen ein freundliches Wort zu sagen und vor allen Dingen gewissermaßen das Haus zu bestellen, ehe es an das Verlassen desselben ging. „Werdet ihr gerettet, so grüßt zuerst meine Mama, dann die übrigen!“ bat Hans.

Der alte Geistliche hielt mit beiden Händen die der Kinder, welche er erzogen. „Meiner harrt zuhause in Hamburg kein trauerndes Herz,“ sagte er, „um mich wird niemand weinen, niemand Kummer fühlen. Sorgt, wenn ihr glücklich in die Heimat zurückkehrt, daß das, was ich an irdischen Gütern hinterlasse, irgend einer milden Stiftung zufällt, am liebsten einer Freischule oder einem Stipendium. Ich — —“