Eine Hand hatte die Riegel der Hütte hinweggezogen. Einer nach dem andern traten die dunkeln Gestalten unter das Bambusdach, zwölf bewaffnete, mit Kugelbüchsen, Revolvern und Enterbeilen versehene Männer, die gekommen waren, um ihre bedrängten Freunde zu erlösen. Nur der Kapitän und vier Matrosen waren als notwendigste Besatzung an Bord des Dampfers geblieben, alle übrigen zogen durch den nächtlichen Wald, fest entschlossen, die Gefangenen zu befreien oder mit ihnen unterzugehen. — Und draußen vor der Thür stand noch einer, ein schlanker, dunkeläugiger Knabe, der die Retter hierhergeführt, der sein eigenes Leben gewagt hatte, um der heiligen Pflicht der Dankbarkeit zu genügen, Rua-Roa, jener verurteilte Sklave, den Franz mit seinem plötzlichen Schuß von den Krokodilen erlöste. Jetzt bewachte er sowohl den Eingang zur Hütte, als auch den geknebelt und gebunden am Boden liegenden Hüter, der von unseren braven Hamburger Teerjacken im halben Schlummer so energisch überrumpelt worden war, daß ihm keine Zeit blieb, auch nur den kleinsten Schrei auszustoßen. Rua-Roa zitterte im Gedanken, daß ein einziger Zufall alles verraten könne.

„Schnell! Schnell!“ ermahnte er.

Aber die da drinnen hörten ihn nicht. Es war wie ein Rausch über ihre Sinne gekommen, wie ein Taumel, sie sprachen in abgebrochenen Lauten und waren kaum fähig, zusammenhängend zu denken. Nur der alte Witt trieb zur Eile. „Da hast du eine Kugelbüchse, Zackermentsjunge, ich habe sie ausdrücklich für dich über alle diese vermaledeiten Baumwurzeln und Ranken geschleppt, — ist doch ein schauderhaftes Vergnügen, so bergauf und bergab durch den Wald zu klettern. — Na, schon gut, da braucht’s gar keinen Dank und keine Rührung, deucht mich; oder hättest du etwa ruhig zugesehen, Junge, wenn die Menschenfresser zufällig über mich, anstatt über dich selbst hergefallen wären?“

„O ich wußte es ja, ich wußte es ja, wir sind gerettet!“

Und Franz sprang von einem zum andern, unfähig, seinem Jubel zu gebieten. „Wollen wir Lärm schlagen?“ rief er übermütig, „die gelben Halunken mit ihrem Oberhaupt, dem Lügenpriester, zu Paaren treiben und alle Krokodile erschießen?“

„Franz, Franz, — und das im ersten Augenblick unserer Rettung!“

Holm fand seine gewohnte Ruhe wieder, als ihn der unbesonnene Vorschlag aus dem anfänglichen Freudenrausch aufschreckte. „Kommen Sie, Herr Doktor,“ setzte er hinzu. „Rasch, rasch, ich kann es nicht erwarten, den blauen Himmel wieder über mir zu sehen.“

Auch der Steuermann näherte sich dem alten Herrn. „Ich habe Ihnen eine Handlaterne mitgebracht, Herr Doktor,“ sagte er, „die einzige, welche an Bord zu finden war. Sie thut nötig bei diesen halsbrecherischen Unternehmungen.“

Und mit dem ganzen Abscheu des Seemanns gegen Fußpartieen zog er eine blecherne Diebslaterne aus seiner Jacke hervor. „Da ist das Ding, Herr Doktor, aber anzünden wollen wir es lieber erst draußen.“

Holm und Franz lachten ihn aus. „Wer hat uns denn durch den afrikanischen Wald geführt, Papa Witt?“ rief der Knabe. „Naturforscher mit dem Talglicht! das ist köstlich.“