»Nein,« rief sie, »ich zürne Ihnen gar nicht, aber –« hier bebte ihre Stimme in losbrechendem Schluchzen, »er – er hat sich gar nichts um mich zu kümmern! Ich verlange nicht zu wissen, was Herr Richard Harvey über mich denkt!«
»Lily,« bat die andere, von der Leidenschaft des Mädchens sichtlich verlegen gemacht, »ich bitte Sie, weinen Sie nicht! ich war ungeschickt. Herr Harvey – Sie thun ihm unrecht; er sprach an jenem Abend nach der Begegnung mit Tom Warren von Ihnen und da meinte er – Sie seien viel besser als das so den Anschein hätte.«
Es war eigentümlich, wie lange dem Mädchen die letzten Worte in den Ohren klangen. Sie saß, lange nachdem die Freundin gegangen war, vor dem Kamin und sann über dieselben nach, und als sie am Nachmittag des nächsten Tages in das Vereinslokal trat, um Abrechnung zu liefern über die am Abend des Festes eingegangenen Gelder, staunte sie selbst, als sie ohne jede Veranlassung die Worte vor sich hin sprach: »Besser, als das so den Anschein hat.« – Unmutig über sich selbst betrat sie den Saal; unmutiger wie je hatte sie ihn wieder verlassen. Unter den schriftlich übersandten mildthätigen Gaben für den Bau hatte sich ein Check von »Rechtsanwalt Harvey« vorgefunden. Ein Check über 100 Dollars! Geben wollte der Mann also, der Sache dienen, ja, es war also offenbar nur Abneigung gegen ihre Person, die ihn zu seinen Weigerungen veranlaßt. Abneigung! War es denn möglich, daß sie ihm unangenehm war, sie, die gewohnt war zu gefallen und sich feiern zu lassen? – Lily ging nachdenklich vor sich hin; ein Zug großen Unwillens lag auf ihrem Antlitz, der auch dann nicht schwand, als sie sich anrufen hörte.
»Fräulein Elsworth-Lily!«
Lily hob den Kopf. Aus dem Erkerfenster eines der großen villaartig gebauten Häuser beugte sich das sanfte Gesicht Marie Müllers. »Wohnen Sie da?« fragte Lily herauf und die andere nickte lebhaft.
»Kommen Sie auf ein Weilchen herein,« bat sie, und bei der freundlich gesagten Bitte wurde Lilys Antlitz düster wie vorher. Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe Eile!« sagte sie schroff.
»So warten Sie ein bißchen, ich komme zu Ihnen!«
Lily mußte es mit der Eile nicht allzuernst gewesen sein. An Marie Müllers Seite wanderte sie ein Stück Wegs und machte plaudernd mit ihr kehrt. Unweit des Hauses blieben die Mädchen stehen.
»Seien Sie gut,« bat Marie, die Hände der Freundin fassend, »jetzt sind Sie nicht mehr verdrossen, kommen Sie zu mir herauf!«
»Lassen Sie mich,« erwiderte die andere mit Ernst; »ich sage Ihnen ungern »nein«, aber in das Haus des Herrn Harvey gehe ich nicht!«