Lily sah rasch auf. Sie öffnete die Lippen zu lächelnder Entgegnung, schloß sie indes wieder und sah während einiger Augenblicke sinnend in den Kamin. Plötzlich hob sie den Blick.
»Denkt er so?« fragte sie, und Marie Müller sah sie verwundert an.
»Wer?« fragte sie zurück.
»Herr Harvey?«
»Herr Harvey? O, der denkt in allen Beziehungen so rechtlich,« entgegnete Marie, »ich habe hierüber mit ihm nie gesprochen; aber ich bin überzeugt, daß er in diesem Punkt so denkt wie ich!«
»So?« Lily Elsworth war aufgesprungen. Es überkam sie eine Heftigkeit, für die sie sich keine Erklärung gab. Sie warf mit kindlichem Ungestüm das widerspenstige Stirngelock zurück und eiferte ganz ohne Grund auf die Freundin ein: »Es ist sehr leicht, ein Urteil zu fällen über andere, und alles was sie thun, unrecht zu finden. Ich möchte wissen, ob Herr Harvey eine Ahnung davon hat, was es heißt, sich langweilen!«
Marie Müller antwortete sehr prompt: »Nein, davon hat er sicherlich keine Ahnung. Herr Harvey hat Pflichten!«
»Pflichten, ja! Es gibt aber Menschen, die keine haben – ich zum Beispiel!«
»Das liegt an Ihnen. Seien Sie mir nicht böse, aber Sie könnten sich welche schaffen. Ihrem Leben fehlt, das meinte Herr Harvey auch, ein rechter Inhalt; den könnten Sie – aber Lily, was ist Ihnen? Sie zürnen mir, Sie weinen!«
Lily hatte plötzlich beide Hände vor's Gesicht geschlagen.