War es ein Irrtum oder nahten rasche Schritte? Lily rang mit aller Kraft, ihr Kopf bog sich weit zurück, da – ein Erlösungsschrei tönte von ihren Lippen – taumelt ihr Begleiter von starker Hand geschleudert zurück. Lily sieht, wie im Nebel, das erschreckte bleiche Gesicht der verwachsenen Erzieherin Harveys und neben ihm ein ernstes herbes Männerantlitz, das sich mit befehlerischer strenger Stimme an Tom Warren wendet. Die Hausthüre ist geöffnet. Lily stützte sich erschöpft auf Marie Müllers dargebotenen Arm. Das Wort des Dankes erstirbt ihr auf den Lippen, da Richard Harvey vor ihr steht und mit der Miene strengen Ernstes, die sie kennt, die Thüre weit geöffnet hält, um sie hineinzulassen.
Seltsam ist es, wie sich zwei so sehr entgegengesetzte Naturen oft in innigem Einvernehmen zusammenfinden. Einen größeren Kontrast gab es so leicht nicht, wie die stille Erzieherin Marie Müller und das verzogene Weltkind Lily Elsworth. Dennoch hatte sich zwischen ihnen ein Freundschaftsbündnis gestaltet, das auf beide günstig zu wirken schien. So saßen sie denn zwei Tage nach dem Vorangegangenen plaudernd in dem luxuriös ausgestatteten Wohnzimmer des Elsworth'schen Hauses, Marie lehnte in einem behaglichen Fauteuil, während Lily auf einem niederen Schemel vor dem Kamin hockte und abwechselnd in das ernste Antlitz der Besucherin, dann in die prasselnden Kamingluten blickte. Nach Mädchenart besprachen sie das Fest.
»Die Blumen, die Sie sehen, sind alle noch daher,« erzählte Lily nicht ohne Eitelkeit und Marie zog einen der herrlichen Rosensträuße zu sich heran und fragte, ob sie ihr vom Komite nachgesandt worden seien.
Lily lachte hellauf: »Vom Komite! Nein, Sie liebe Unschuld! Das sind lauter enthusiastische Widmungen von Verehrern. Ich bekomme fast täglich Sachen zugeschickt: Bonbonnieren, Parfüme u. dgl.«
»Und Sie nehmen sie an?«
»Aber natürlich. Es hätte ja gar keinen Sinn, sie abzulehnen. Ich amüsiere mich über die Spender! Sie sind mir alle ganz gleichgiltig!«
»Ganz gleichgiltig?« Marie Müller wiederholte die Worte, als seien sie ihr nicht verständlich. »Wenn Sie die Herren nicht ermutigen, wie können sie dann wagen – –«
Lily unterbrach sie lebhaft: »Das ist es eben! Ich ermutige sie immer. Mein Gott, das Leben wäre schrecklich langweilig, wenn man dieses Amüsement nicht hätte!«
Marie Müller blickte plötzlich sehr ernst. »Sie nennen das Amüsement, Lily? Das ist ein Unrecht!«