»Darf ich also?« Sie nahm, wie um einer kommenden Weigerung zu entgehen, rasch und resolut ihren pelzverbrämten Umhang auf und drängte ihn der schüchternen kleinen Gestalt auf. »Ich wohne wirklich zwei Häuser von hier,« eiferte sie, während ein ihr bis dahin fremdgebliebenes Gefühl von Befriedigung sie durchzog, »es ist mir eine Freude, Ihnen aus der Verlegenheit helfen zu können, so, fassen Sie zu, bitte! Wohnen Sie weit von hier?«
Die Fremde hatte Miene gemacht, das Anerbieten abzulehnen. Nun, da die andere mit so liebenswürdiger Dringlichkeit sprach, ließ sie sie still gewähren und antwortete halb gerührt, halb verlegen: »Ziemlich weit. Ich bin Erzieherin im Hause des Herrn Harvey – –« Lilys Haltung wurde plötzlich weniger freundlich; das Mädchen gewahrte es und sprach mit zaghafter Stimme ihren Satz zu Ende: »Gewöhnlich bestellt Herr Harvey den Wagen, es war nur heute unbestimmt, wie spät wir bleiben würden und Herr Harvey läßt so ungern die Pferde in der Kälte warten; darf ich Ihnen meinen Namen nennen? Ich heiße Marie Müller.«
»Lily Elsworth,« war die einfache Entgegnung, die Lily halb mechanisch gab. Sie gedachte in Verbindung mit der Rücksichtnahme Harveys auf seine Pferde, seine ablehnende Herbheit ihr gegenüber. Sie tauschte immer noch mechanisch mit dem Mädchen Wohnungsadressen aus, und schritt später, nachdem die andere gegangen war, schweigsam an der Seite Tom Warrens die Haupttreppe des Hauses hinab. Sie ließ sich, draußen angelangt, den Paletot des jungen Mannes um die Schultern legen und hielt denselben, da es doch empfindlich kalt geworden war, mit der kleinen Hand unter dem Kinn zusammen. Sie waren bis zu der Häuserreihe gelangt, deren eines von Lilys Verwandten bewohnt war, und Lily fiel es zum erstenmale auf, wie ungewöhnlich schweigsam ihr Begleiter den Weg zurückgelegt. »Ist Ihnen etwas?« fragte sie eifrig, indem sie sich aus seinem Paletot herausschälte und ihm ihren Hausschlüssel zum öffnen hinhielt, »ist Ihnen etwas?«
Er erfaßte – Lily bemerkte erst jetzt seine unsicheren Bewegungen – mit dem Schlüssel die ganze Hand des Mädchens, drehte sich plötzlich um, daß sein Rücken den Eingang der Thüre deckte und beugte sein gerötetes, unstät zuckendes Antlitz zu dem Mädchen nieder. »Ob mir etwas ist, wollen Sie wissen? Ha – ha – ja, mir ist, mir ist etwas. Sie haben mich verspottet, Sie verspotten mich immer, aber zuerst locken Sie und dafür will ich –«
»Was fällt Ihnen ein, Tom Warren, ich rufe um Hilfe!«
Er hatte ihre Hände erfaßt, sie an sich gezogen. »Rufen Sie nur, es wird Sie kein Mensch hören. Ich lasse Sie los, wenn ich meine Rache habe – ich liebe Sie!«
»Sind Sie wahnsinnig?« Des Mädchens Lippen zitterten.
»Wahnsinnig, ja aus Liebe wahnsinnig, Lily Elsworth, Sie sind allein mit mir, und nun sollen diese Lippen, die mich lockten und dann höhnten –«
»Ich bin in Ihrem Schutz, wie können Sie wagen, lassen Sie los!«
Des Mädchens angsterfüllter Ruf drang weithin durch die Nacht: »Hilfe – Hilfe!«