Tom Warren sah sehr ernsthaft drein. Er zupfte mehrfach an seinem Halskragen und sagte mit beleidigter Miene: »Sie – mein Fräulein – ich – Sie lachen über mich!«

Sie sah ihn keck an. »Ja,« sagte sie mit einem Anflug ihres alten Übermutes; »ja, ich glaube in der That, daß ich lache! Im übrigen« – Lily wurde plötzlich ernster – »seien Sie gescheid, Tom Warren, schmachten Sie nicht, ›aushauchen‹ steht Ihnen nicht. Sie sind zu – wohlgenährt. Nach Hause geleiten dürfen Sie mich, ich gehe in zehn Minuten!«

Lily hatte die Garderobenthüre erreicht. Im Begriff, die Klinke zu erfassen, begegnete ihre Hand einer anderen, welche sich offenbar in derselben Absicht genähert hatte.

»Pardon!« sagte eine sehr weiche Stimme, und Lily betrachtete im Garderobenzimmer stehend nicht ohne Mitgefühl die eintretende Gestalt. Es war ein nicht mehr ganz junges Mädchen mit glattzurückgestrichenen braunen Haaren und großen dunklen, ernstblickenden Augen. Die Gestalt war traurig entstellt durch schmale hochgebaute Schultern, aus denen der Kopf mit seinem kurzen Hals unglückselig genug hervorkam. Lily hatte wenig Gelegenheit gehabt, unglückliche Menschen kennen zu lernen; in ihrem an Zerstreuung reichen Leben fand sie richtig gesagt keine Zeit, die Leiden und Gebrechen der Welt zu beachten. Eine besonders weiche Stimmung mußte wohl heute über sie gekommen sein, daß sie so nachdenklich verblieb bei dem Anblick der armen Verwachsenen.

Vielleicht lag auch in der Stimme der Fremden ein Etwas, was unwillkürlich anzog. Lily horchte plötzlich teilnahmvoll auf das Gespräch, welches zwischen ihr und der Garderobiere stattfand.

»Oh nein, das kann ich nicht,« hörte sie das Mädchen sagen; »es ist ja natürlich eine Verwechslung, aber da ich ja nicht weiß mit wem, kann ich doch nicht einen beliebigen Mantel einer andern mitnehmen.«

»Na, wenn Sie nicht wollen!«

Lily sah, wie die wohlbeleibte Garderobiere sich achselzuckend abwandte und im Nu stand sie an der Seite der hilflos dastehenden kleinen Gestalt.

»Verzeihen Sie,« redete sie dieselbe entschlossen an, »ich gebe Ihnen mit Vergnügen meinen Mantel mit. Ich wohne so nahe, daß ich ihn nicht einmal entbehre!«

Die Angeredete hob bei der so unerwartet freundlichen Ansprache den Blick. Es leuchtete darin von wirklichster Rührung. »Oh wie gütig!« sprach sie, und wieder war es der weiche Ton, der so eigen warm in das Herz Lilys eindrang – –