»Das würden Sie verstehen, wenn ich Ihnen sagte, daß ich kam, um einem Wesen, das lange am Krankenbette gesessen, eine Abwechslung zu verschaffen!«

Lily schwieg. Gegen ihren Willen fühlte sie sich beschämt. Das bessere Gefühl in ihr gewann plötzlich Oberhand und es war unwillkürlich, daß sie suchend umsah, unwillkürlich, daß sie das ihr unbekannte Wesen beneidete, um derentwillen dieser streng bleibende Mann ein Opfer brachte. Es lag in der Art wie sie den braunen Kopf zurückwarf etwas vom schmollenden Kinde.

»Wenn Sie denn nur kamen, um jemandem gutes zu erweisen, so werden Sie ja mit dem Jemand wieder gehen, und alle unliebsamen Begegnungen gleich vergessen – nicht?«

Herr Harvey lächelte ein wenig. Für Lily war das Lächeln eine Kränkung. Thränen des Zornes füllten ihre Augen und zitterten in ihrer Stimme nach, und mit dem Ausruf: »Ich freue mich, daß ich Sie amüsiere, mein Herr!« wandte sie sich rasch und eilte davon. Sie drängte sich unter die Menschen, scherzte, lachte, pries ihre Blumen an, sehnte sich plötzlich inmitten all der lachenden Menschen fort nach Hause, nach dem Alleinsein.

Tom Warren traf es ungeschickt, daß er dem Mädchen gerade in der Stimmung entgegentrat. Mit dem faden Lächeln und den noch faderen Reden, die er stets geführt, die aber dem Mädchen, halb Kind, halb Weib, das sie war, nie so zuwider gewesen waren wie heute, faßte er sie an der Thüre ab und erging sich in höflichen Schmeichelreden.

Lily hörte ihm zerstreut zu. Erst als er ihr seine Begleitung antrug und erklärte, daß ihr Onkel, der sie herbegleitet, ermüdet nach Hause gegangen und ihm, Tom Warren, das Mädchen anvertraut habe, sah sie rasch und prüfend zu dem blonden Menschen auf.

»Ich glaube, ich gehe lieber allein,« sagte sie zögernd.

Seine glänzenden Augen, seine geröteten Wangen ließen auf hohen Weingenuß schließen.

»Wie? allein? Oh nimmermehr! Ich habe Ihrem Onkel versprochen – ich bin glücklich, Ihnen endlich sagen zu dürfen – die Gefühle meiner Seele aushauchen – –«

»Oh! oh! oh! Mr. Warren!« Sie lachte schon wieder, erst leise, dann, sein komisches Gesicht sehend, laut auf. »Aushauchen ist sehr nett; das ist eine neue Wendung. Aushauchen haben Sie doch gesagt, glaube ich!«