»O nein! Daran nicht, aber an der nächtlichen Scene, welche – – aber mein Fräulein, ich habe nicht das mindeste Recht, Ihnen etwas vorzuhalten – –«
»Sie sollen mir aber etwas vorhalten!« Lily hatte es mit einem Anflug ihres alten Trotzes gerufen, bei seinem nachsichtsvollen, ein wenig amüsierten Lächeln dämpfte er sich sofort wieder. »Bitte, sagen Sie mir, was ich that, um die Dreistigkeiten des Mannes herauszufordern!«
Herr Harvey sah sie prüfend an. »Das, mein Fräulein, wissen Sie am besten selbst. Ohne vorherige Aufmunterung pflegen Männer nicht dreist zu werden –«
»Herr Harvey!«
Ihr Ausruf hinderte ihn nicht weiterzusprechen. »Sie sind kokett; das ist für Sie nicht schmeichelhaft und gar nicht ehrend. Kokette Mädchen sollten bedenken, daß sie sich selbst preisgeben – – Oh, mein Fräulein!« Er brach plötzlich ab. Die blauen Augen des Mädchens, voll zu ihm aufgeschlagen, hatten sich bei seinem herben Ton mit Thränen gefüllt. Harvey wurde es, da er das schmale Gesichtchen betrachtete, seltsam weich zu Sinn. Er streckte dem Mädchen in warmer Geste die Hand entgegen. »Sie dürfen nicht weinen,« sagte er, »ich wollte Ihnen nicht weh thun.« Er hatte ihre Hand erfaßt, sich, wie um sie zu trösten, vorgebeugt, da – öffnete sich die Zimmerthüre. Marie Müller trat ein. Harvey ließ die Mädchenhand fahren. »Ich spreche Sie später,« sagte er rasch zu Marie, indem er sich eilig entfernte.
Lily war in großer Aufregung. Auf ihr stürmisches Drängen hatte ihr Marie Müller die Einzelnheiten über das Warren'sche Haus mitgeteilt. Tom war der Ernährer seiner alten Mutter gewesen; die Nüchternheit, welche der nächtlichen Scene gefolgt war, hatte ihn Scham empfinden lassen. Er fürchtete sowohl die Entlassung aus den Diensten des Herrn Harvey, dessen Buchhalter er war, als auch die öffentliche Schande, die sich für einen Mann daran knüpfte, ein seinem Schutze anbefohlenes Mädchen zu überfallen. Tom Warren war heimlich abgereist, seine Mutter ohne Nachricht über sein Verbleiben zurücklassend, was diese infolge fortgesetzter Aufregung krank darniederwarf.
»Ist sie schwer krank?« hatte Lily gefragt und Fräulein Müller hatte ihr geantwortet, daß eine ernste Sache zu befürchten sei, worauf Lily lange schweigend mit gesenkten Blicken verharrt hatte, um endlich aufblickend ihr Vorhaben kundzuthun.
»Ich gehe zu ihr!« Lilys Handlungen folgten stets ihrem Wort. Der Nachmittag des nächsten Tages fand sie einigermaßen zaghaft vor dem niedern, zweistockigen Häuschen, dessen obere Stübchen von Frau Warren bewohnt waren, stehen.
Auf ihr wiederholtes Klopfen war keine Antwort erfolgt. Mit resoluter Hand öffnete sie und trat ein.
»Frau Warren!«