Aus den überaus sauberen Kissen des schneeigen Bettes richtete sich ein fieberndes Frauenantlitz auf. Die tiefliegenden greisen Augen hafteten mit mißtrauischem Ausdruck auf der Mädchengestalt. »Wer ist da?«

Lily trat etwas näher. Ihre Rede begann sie zaghaft, wurde aber allmählich beherzter. »Ich bin eine Freundin von Fräulein Müller,« sagte sie; »dieselbe ist heute behindert zu kommen, und damit Sie doch nicht allein wären, kam ich. Ich wohne in der Nähe und ich habe viel Zeit, die ich Ihnen widmen möchte, wenn Sie es mir gestatten. Ihr Sohn –« hier stockte sie, »Ihr Sohn ist mir bekannt, und eigentlich – ich will ganz ehrlich sein, Frau Warren – eigentlich habe ich Schuld –«

»Sind Sie – sind Sie – –«

Das Mädchen nickte bei der aufgeregten Frage der Alten mit dem Kopf und sagte kleinlaut: »Lily Elsworth – ja – die bin ich!«

Die Kranke stützte sich mit aller ihr zu Gebot stehenden Kraft auf die Ellenbogen, um sich so dem Mädchen näher zu bringen. Die fieberhaft erregte Stimme klang heiser und bewegt. »Sie also sind es,« schrie sie lebhaft, »die meinen Jungen erst toll gemacht und dann verjagt hat, Sie mit ihrer aufgespielten Tugendhaftigkeit! Was, ich sollte mich von Ihnen pflegen lassen, von Ihnen, die Sie ja doch kein Herz im Leibe – oh! oh!«

Stöhnlaute erstickten ihre Rede. Sie sank mit Atemnot und Husten kämpfend in die Kissen zurück und schloß die Augen, und das Mädchen, das bis dahin regungslos an der Thüre gestanden hatte, trat ohne sich zu besinnen heran und richtete, das Sträuben der Kranken nicht achtend, das Kopfkissen, auf dem sie lag, empor. Sie sprach nichts, sie verteidigte sich nicht. Mit ihrem kräftigen Mädchenarm stützte sie den Körper der alten Frau und diese sank endlich keuchend wieder in die Kissen, während Lily regungslos neben ihr stand und die abgerissenen Schmähworte mit bleichem Antlitz und zusammengepreßten Lippen stumm über sich ergehen ließ.

»Mit jedem Wort haben Sie ihn 'rangelockt, meinen Jungen, anstatt wie ein ehrbares Mädchen seine Aufmerksamkeiten zurückzuweisen, und dann in der Nacht – spröde zu spielen, Komödie, weil es gerade so paßte, weil Menschen kamen. Was hat er Ihnen denn so schlimmes gethan, mein Tom? – he? Warum sollte er das nicht dürfen, nach dem wie Sie zu ihm standen – wär 'n wohl ein anderer lieber gewesen –«

»Frau Warren – oh! oh!« Die Stimme, welche ermahnend von der Schwelle ertönte, ließ das Mädchen zusammenfahren.

Herr Harvey war unbemerkt eingetreten und hatte den letzten Teil der Rede der Alten gehört. Er sprach beschwichtigend auf die Kranke ein, welche von Neuem nach Atem ringend unter krampfhaftem Husten in die Kissen sank.

»Lassen Sie mich die Kranke stützen,« sagte Lily herantretend, »es wird gut sein, den Arzt zu holen!«